Geschichte, Sprache & Kultur
Im Förderbereich „Geschichte, Sprache und Kultur“ soll das Erbe der klassischen Geisteswissenschaften gewahrt und fruchtbar weiterentwickelt werden. Trotz aller fachlichen Neukombinationen bleibt der Rückbezug auf „klassische“ Fächer wie die Philosophie und die Theologie wichtig, die ebenfalls in Wandlungsprozessen begriffen sind, zugleich aber weiterhin erkenntnisleitende Orientierungen bieten, die allen Fächern im weiten Bereich der Geistes- und Kulturwissenschaften von Nutzen sein können.
Fachbereiche
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Philosophie
Die Philosophie ist nicht bereits von Faches wegen auf bestimmte Gegenstände, Methoden oder Grundbegriffe festgelegt. Wohl hat sie sich stets auf Gegenstände gemeinkultureller und wissenschaftlicher Diskurse sowie auf Methoden und Grundbegriffe anderer Disziplinen kritisch bezogen. Im Blick auf die gesellschaftliche Bedeutung dieser kritisch-begleitenden Reflexionstätigkeit, zu der auch das stetige Wachhalten des historischen Bewusstseins gehört, fördert die Stiftung das Fach in seiner ganzen Breite. Es gibt keinen Vorrang für bestimmte Arbeitsgebiete oder Ansätze, insbesondere auch nicht im Verhältnis von praktischer und theoretischer Philosophie, von historischem und systematischem Arbeiten, von grundlagentheoretischen und praxisnahen (»angewandten«) Problemstellungen oder von formalen und verbalen Argumentationsweisen. Solche Einteilungen haben einen guten Sinn. Sie können dem Fach aber schaden, wenn sie zu scharfen diskursiven Spaltungen führen. Dasselbe gilt für die Grenzen zwischen der Philosophie und anderen Fächern, mit denen sie Gegenstände und Probleme teilt. Manche, darunter auch fest institutionalisierte akademische Grenzziehungen, beruhen nicht auf sinnvoller Arbeitsteilung, sondern auf Lenkungseffekten Mainstream-konformer Publikations- und Karrierewege.
In letzter Zeit sind insbesondere die Schranken zu den Kognitionswissenschaften, die überwiegend die theoretische Philosophie betrafen, durchlässiger geworden. In der praktischen Philosophie gibt es engere Verbindungen mit benachbarten normativen und empirischen Wissenschaften, die der Förderung bedürfen.
Projekte, die – in welchem Bereich auch immer – am Abbau sachlich unbegründeter innerfachlicher oder fachübergreifender Diskursschranken arbeiten, indem sie über ihre Genese und ihre Folgen aufklären, Übersetzungsleistungen erbringen, auch Pauschalurteile korrigieren, sind der Stiftung besonders willkommen. Hier kommt dem meist unbefangeneren akademischen Nachwuchs, sofern er auf methodische Breite achtet und sich auf eigene detaillierte Lektüren stützt, eine besondere Rolle zu. Die konkrete thematische Initiative überlässt die Fritz Thyssen Stiftung im Fach Philosophie den Antragstellerinnen und Antragstellern. Ihre Absicht ist, in bürokratisch unaufwendiger Weise die traditionellen Stärken dieses Fachs zu bewahren – seine Offenheit, seine Grundsätzlichkeit, seine Kritikfähigkeit und die Originalität seiner Beiträge.
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Theologie und Religionswissenschaft
Der Fächerkanon der religionsbezogenen Wissenschaften befindet sich seit einigen Jahrzehnten in einem dynamischen Wandel. Theologie stand lange Zeit ausschließlich für die europäische christliche Theologie in ihren exegetisch-philologischen, historischen, systematischen und praktisch-theologischen Subdisziplinen. Das Fach Religionswissenschaft schien demgegenüber in erster Linie für Religionen außerhalb des Christentums zuständig zu sein. Diese Situation hat sich durch institutionelle wie methodische Aufbrüche und Veränderungen in den letzten Jahrzehnten sehr stark verändert: Einerseits bearbeiten vor allem Judentum und Islam inzwischen ihre Geschichte und ihre Glaubensbestände in eigenständigen theologischen Lehr- und Forschungsinstitutionen. Andererseits erfahren die Selbstwahrnehmung und die Deutung aller Religionen durch die Religionswissenschaft weiterhin inhaltliche und methodische Brechungen. Zudem geraten Phänomene der globalen und lokalen Interaktion und Interdependenz religiöser Kulturen zunehmend in den Fokus sowohl religionswissenschaftlicher als auch theologischer Forschung.
Die Fritz Thyssen Stiftung nimmt Anträge aus allen Bereichen der Theologien und Religionswissenschaften entgegen. Sie trägt durch ihre Förderpolitik der Breite der thematischen Felder, der Vielfalt der Methoden, der Spezialisierung der Disziplinen sowie ihrer inter- und transdisziplinären Vernetzung Rechnung. Historische Projekte wie Editionen und andere Beiträge zur Erforschung der Grundlagen und materialen Kultur religiöser Traditionen sind ebenso willkommen wie religionssoziologische und religionsphilosophische Studien zur gegenwärtigen Lebenswelt in ihrer Transformation durch Globalisierung, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. Religionspädagogische und -didaktische Forschungen liegen dagegen nicht im primären Fokus unserer Förderinteressen. Außerdem fördert die Stiftung Projekte, die ungeachtet der interdisziplinären Strukturen, die bereits in Theologie und Religionswissenschaft selbst liegen, auf Synergieeffekte mit weiteren Wissenschaftsdisziplinen zielen.
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Geschichtswissenschaft
Das Themen- und Methodenspektrum der Geschichtswissenschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten enorm differenziert. Nach dem Aufschwung der Sozialwissenschaften in den 1970er Jahren und der starken Prägung durch sozialgeschichtliche Forschungen kam es seit den 1990er Jahren zu einem kulturwissenschaftlichen Paradigmenwechsel, der auch etablierten Bereichen wie der politischen Geschichte oder der Geschichte internationaler Beziehungen viele neue Impulse vermittelt hat. Dazu kam eine Öffnung lange Zeit national geprägter Geschichtsschreibung durch transnationale Ansätze und die methodischen Perspektiven von Vergleich, Transfer und Verflechtung. Auf dieser Grundlage sind Fragen nach Chancen und Herausforderungen europäischer und globaler Geschichtsschreibung in den letzten Jahren immer stärker ins Zentrum getreten. Neue thematische Forschungsfelder sind in der Wissens-, Konsum- und Umweltgeschichte (»environmental humanities«) erschlossen worden. Doch zugleich sind auch vermeintlich alte Themen neu akzentuiert worden, wie etwa der historische Blick auf Raumerfahrungen, ob im Fokus auf Lokalität oder Regionalität oder im Verhältnis zwischen Nationalstaaten und Imperien.
Transdisziplinäre Ansätze, etwa zwischen Literatur- und Rechtswissenschaft und Geschichtswissenschaft, und epochenübergreifende Themen wie Imperialität und Gewalt haben an Bedeutung gewonnen. Zugleich entstehen aus den Erfahrungen und den technologischen Möglichkeiten der Gegenwart neue Fragen an die Geschichte: im Blick auf die Zukunft Europas als Friedensraum, auf Resilienz und Regression von Demokratien, die Veränderung von Gedächtnis und Erinnerung durch den Wechsel der Generationen und die Veränderung von Zeitzeugenschaft oder in der Verwendung von KI in der Zusammenstellung und Analyse von Quellenkorpora. Gerade die Gefahren geschichtspolitischer Instrumentalisierung, die Vermischung von Fakten und Fiktionen, unterstreichen die Funktion einer kritischen Geschichtswissenschaft in unserer Gegenwart.
Die Fritz Thyssen Stiftung steht Förderanträgen aus allen Bereichen der Geschichtswissenschaft, aus allen Epochen und dem ganzen methodischen Spektrum offen. Sie lädt vor allem thematisch oder methodisch innovative Förderanträge ein, deren Projekte die Analyse historischen Wandels mit thematischer Relevanz und Anschlussfähigkeit verknüpfen.
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Altertumswissenschaft; Archäologie
Ein wachsendes Interesse an der Erforschung alter Kulturen hat weltweit zu einer beachtlichen Steigerung der Ausgrabungsaktivitäten geführt. Die intensive Zusammenarbeit zwischen Archäologien und Naturwissenschaften spielt dabei eine immer größere Rolle, gerade multidisziplinäre Forschungsansätze bieten zunehmend neue Erkenntnismöglichkeiten. Die Fritz Thyssen Stiftung muss sich angesichts dieser Ausweitung der Forschungen auf bestimmte Bereiche konzentrieren. Im Zentrum ihrer Förderung stehen traditionsgemäß die frühen Kulturen Alteuropas, des Mittelmeerraums sowie des Vorderen Orients, sie kann im Falle besonders exzellenter Anträge vereinzelt aber auch darüber hinausgehen.
Gefördert werden grundsätzlich alle Formen der archäologischen Forschung, seien sie theoretischer oder praktischer Art. Das Interesse der Stiftung ist jedoch weniger auf reine Materialvorlagen und Katalogarbeiten als vielmehr auf Projekte gerichtet, deren Fragestellungen und methodische Ansätze neue innovative Wege beschreiten.
In Altertumswissenschaft und Archäologie genießen Arbeiten einen Vorrang, die spezifische Eigenarten und Veränderungen einer Kultur in konkreten historischen Kontexten untersuchen. Als besonders vielversprechend gelten Forschungen zur Siedlungs- und Stadtentwicklung, zu Veränderungen gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Verhältnisse, zu kulturellen Umbrüchen wie auch bildgeschichtliche Vorhaben. Dabei gibt es keine thematischen Einengungen, ausschlaggebend ist einzig die Exzellenz von Fragestellung und methodischer Herangehensweise sowie im Idealfall die Erschließung von wissenschaftlichem Neuland.
Im Bereich der Alten Geschichte und der Alten Philologien werden vor allem solche Vorhaben gefördert, die methodisch oder sachlich interdisziplinären Charakter haben und sich gegebenenfalls mit den Fragestellungen der Archäologie verbinden lassen. Dies gilt insbesondere für Projekte aus der Religions-, Wirtschafts-, Sozial-, Wissenschafts- und Mentalitätsgeschichte.
Schließlich werden Forschungsansätze begrüßt, die die Altertumswissenschaft insgesamt mit anderen Kulturwissenschaften in Beziehung setzen.
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Kunstwissenschaften
Die Dynamik des kulturellen und sozialen Wandels hat die mit den Künsten befassten Disziplinen, insbesondere Kunstgeschichte und Musikgeschichte sowie Theater- und Medienwissenschaft, vor neue Herausforderungen gestellt. Es geht heute weniger um neue Avantgarden oder künstlerischen Fortschritt als vielmehr um eine Erweiterung der Perspektiven auf die Fächer und ihre Gegenstände, die sich nun als kulturwissenschaftlich fundierte auf eine stärker empirische Arbeit gründen. Ein verändertes Gegenwartsbewusstsein hat nicht nur zu einer Ausweitung der Untersuchungsgegenstände geführt, sondern auch den Blick auf künstlerische Austauschprozesse jenseits des europäisch geprägten Kunstkanons gelenkt. Transkulturelle Fragestellungen gewinnen in den Disziplinen zunehmend an Relevanz. Diese Prozesse begleiten die kritische Überprüfung und Neujustierung methodischer Herangehensweisen und Fragestellungen an die zu untersuchenden Objekte und Themen.
Die Fritz Thyssen Stiftung fördert Vorhaben aus dem gesamten Bereich der Kunstwissenschaften und ihrer Nachbargebiete, insbesondere aber solche historisch grundierten Projekte, die sich in innovativer Weise mit Text- und Bildquellen befassen, die ein Bewusstsein für die Medialität und Materialität der Artefakte zu erkennen geben, die methodische Fragen sowie Leitkategorien der Disziplinen reflektieren und die interdisziplinär angelegt oder anschließbar sind – insgesamt also solche wissenschaftlichen Untersuchungen, die sich durch ein hohes Reflexionsniveau auszeichnen.
Die Finanzierung reiner Katalogisierungs- und Editionsprojekte zählt nicht zu den prioritären Förderanliegen der Stiftung; vorrangig technisch/naturwissenschaftlich ausgerichtete Vorhaben können nicht gefördert werden.
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Literatur- und Sprachwissenschaften
Das Spektrum der Literatur- und Sprachwissenschaften umfasst eine sehr große Zahl an Fächern mit ungemein vielfältigen historischen und systematischen Interessen. Diese Fächer sind zum Teil »groß« und entsprechend in sich ausdifferenziert oder »klein« und vergleichsweise übersichtlich. Bisweilen sind literatur- und sprachwissenschaftliche Forschungen Aspekte einer übergreifenden Disziplin (z. B. Byzantinistik), häufig sind sie in eigenständiger Weise gemeinsam institutionell aufgestellt (z. B. Romanistik) oder einzeln je für sich (z. B. deutsche Sprachwissenschaft). Die Fächer pflegen unterschiedliche lose oder stabile Kontakte untereinander, verfügen über heterogene inter- und transdisziplinäre Anschlussfähigkeit, (inter-)nationale Beziehungen und institutionelle Anbindungen (etwa an das Schulsystem). Der Zuschnitt ihrer epistemischen Objekte reicht von mikrologischen Analysen bestimmter Einzelphänomene oder einzelner Texte bis hin zur Untersuchung sehr großer Datenmengen.
In vielen Bereichen haben sich literatur- und sprachwissenschaftliche Praktiken und Erkenntnisziele voneinander entfernt, in anderen Bereichen – etwa im Feld der Digital Humanities oder den an kognitionswissenschaftlichen Verfahren interessierten Forschungsbereichen – ergeben sich Kooperationsmöglichkeiten. Dass die medialen Grundlagen der Verständigung bzw. die wechselnden multimedialen Kontexte für die Literatur- und Sprachwissenschaften eine zentrale Herausforderung bedeuten, liegt auf der Hand. Dies gilt zumal für die postdigitale Phase, in der wir uns befinden: Das omnipräsente Angebot leicht zugänglicher Tools, die mit Large Language Models bzw. KI-basierten Verfahren arbeiten, verändert die Geschäftsgrundlage der literatur- und sprachwissenschaftlichen Praxis. Gerade vor diesem Hintergrund ist philologische Grundlagenforschung erwünscht.
In Anbetracht der vielfältigen epistemischen Optionen und Ziele fördert die Fritz Thyssen Stiftung vorrangig Projekte, die nicht allein für sich interessant sind, sondern nachhaltige Effekte für künftige größere disziplinäre und interdisziplinäre Erkenntnisinteressen in Aussicht stellen, überraschende fachwissenschaftliche Einsichten in produktiver Auseinandersetzung mit der Forschungslage versprechen oder der Etablierung größerer Arbeitszusammenhänge mit konkreten Anschlussoptionen dienen. Editorische Projekte sind angesichts der breiten Zugänglichkeit digitalisierter Quellen besonders begründungspflichtig und müssen ihre philologischen Entscheidungen und Verfahren, die technischen Grundlagen sowie ihr Datenmanagement detailliert erläutern.