Über uns Allgemeines Unternehmerfamilie Thyssen im 20. Jahrhundert

Unternehmerfamilie Thyssen im 20. Jahrhundert

Unternehmens- und Familiengeschichte wurden bislang meist getrennt voneinander untersucht. Die Reihe integriert beide Perspektiven, um die ökonomischen, soziokulturellen und emotionalen Verknüpfungen zwischen Unternehmerfamilie und Familienunternehmen sichtbar zu machen.

Aus dem Blickwinkel einer kulturwissenschaftlich inspirierten Familiengeschichte steht das dynamische, sich ständig umknüpfende familiäre Netzwerk der Thyssens im Vordergrund. Hier interessieren die Alltagspraktiken, Lebensformen und Identitäten der kosmopolitisch lebenden und global agierenden Familie. Darunter fallen auch Aspekte wie die Nutzung medialer Techniken bzw. die Selbstinszenierung von Familienmitgliedern in der Öffentlichkeit sowie die Kunstsammlungen der Thyssens als Verknüpfung von ökonomischer Investition, symbolischer Kapitalbildung und Ästhetik.

Aus unternehmensgeschichtlicher Sicht liegt der Schwerpunkt zum einen auf der Unternehmensführung, vor allem den Maximen, Strategien und Praktiken der Lenkung und Abschätzung der Handlungsspielräume; zum anderen auf dem komplexen Geflecht der Thyssen’schen Familienstiftungen und Treuhandgesellschaften, Holdings und Einzelgesellschaften, das der Unternehmensentwicklung, Vermögenssicherung und  -mehrung diente; ferner auf der Nutzung von politischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Optionen für den wirtschaftlichen Erfolg. Ein besonderes Augenmerk richtet sich auf die NS-Zeit.

Den familiengeschichtlichen Part verantwortete Margit Szöllösi-Janze, den unternehmensgeschichtlichen Christoph Buchheim und, nach dessen Tod 2009, Günter Schulz, den auf die Fritz Thyssen Stiftung bezogenen Teil Hans Günter Hockerts.

(Editorial von Margit Szöllösi-Janze, Günter Schulz und Hans Günter Hockerts als Herausgebern der Reihe)

Stiftungsgeschichtliches Teilprojekt
  • Ein Erbe für die Wissenschaft
    Ein Erbe für die Wissenschaft. Die Fritz Thyssen Stiftung in der Bonner Republik (H. G. Hockerts)

    Amélie Thyssen, die reichste Frau in Westdeutschland, stiftete 1960 überraschend die Hälfte ihres industriellen Vermögens: Mit ihrer Tochter Anita errichtete sie die erste große private Stiftung zur Wissenschaftsförderung in der Bundesrepublik.

    Dieses Buch erschließt die familien- und unternehmensgeschichtlichen Zusammenhänge sowie die Medienresonanz dieser ungewöhnlichen Transaktion. Neben den Erbinnen Fritz Thyssens tritt der Kreis ihrer Vermögensverwalter und Berater hervor, deren exzellente Verbindungen bis ins Bundeskanzleramt reichten. Erstmals werden die Protokolle dieses »Thyssen-Komitees« ausgewertet, die neues Licht auf interne Spannungen bei der Bildung des Thyssen-Konzerns werfen.

    Die Stiftung engagierte sich in den Geistes- und Sozialwissenschaften und in der medizinischen Forschung. Mit Blick auf die Förderinitiativen und die gelehrten Köpfe im Wissenschaftlichen Beirat leistet die Studie einen Beitrag zur intellectual history der Bonner Republik.

Familiengeschichtliche Teilprojekte
  • Die Thyssens
    Die Thyssens – Familie und Vermögen (Simone Derix)

    Immenses Vermögen, transnationale Mobilität, ein globales Familiennetzwerk und erbitterte Konflikte sind die Kennzeichen der Familie Thyssen im 20. Jahrhundert. Ihr Vermögen bietet den zentralen Schlüssel für das Leben der Thyssens seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Es ermöglichte extravagante Lebensweisen in Europa, den USA und Südamerika. Es stand im Zentrum heftiger Konflikte innerhalb der Familie; ihm galt in Kriegs- und Krisenzeiten aber auch die gemeinsame Sorge. Um es zu erhalten und zu mehren, entwickelten die Thyssens Strategien, ihr Vermögen international möglichst unsichtbar zu streuen. Sie nahmen dabei Praktiken vorweg, die in manchem dem globalen Finanzkapitalismus der Gegenwart nahe kamen. Erstmals nimmt die Studie das ganze Spektrum der Beteiligten im Zusammenspiel von Familie und Vermögen in den Blick – von den männlichen und weiblichen Thyssens über ihre Hausangestellten bis hin zu ihren zahlreichen Rechts- und Finanzberatern.

  • Zwei Bürgerleben in der Öffentlichkeit
    Zwei Bürgerleben in der Öffentlichkeit – Die Brüder Fritz Thyssen und Heinrich Thyssen-Bornemisza (Felix de Taillez)

    Fritz und Heinrich Thyssen traten Anfang des 20. Jahrhunderts als reiche Söhne des Konzerngründers August ins Licht medialer Öffentlichkeiten. Während der eine als Geldgeber Hitlers in die Geschichte einging, begründete der andere eine private Kunstsammlung von Weltrang.
    Öffentlichkeit stellt eine zentrale Kategorie im Leben und Handeln von Bürgern aus der Wirtschaftselite dar. Felix de Taillez untersucht das Medieninteresse an den prominenten Brüdern von Heinrichs frühen Skandalen bis zu Fritz’ Aufstieg und Fall im NS-Regime. Das Buch arbeitet ihre unterschiedlichen Verhaltensweisen in der Öffentlichkeit und spezifischen Formen der Mediennutzung heraus – der eine zunehmend distanziert, der andere auch international umso exponierter. Ihre Images waren gegensätzlich: Fritz Thyssen als politisch engagierter »Wirtschaftsführer« und Heinrich Baron Thyssen-Bornemisza als ebenso weltläufiger wie zurückhaltender »Aristokrat«.

  • Die Thyssens als Kunstsammler
    Die Thyssens als Kunstsammler. Investition und symbolisches Kapital (1900–1970) (Johannes Gramlich)

    Die Thyssens zählen zu den bedeutendsten Kunstsammlern des 20. Jahrhunderts. Über drei Generationen trugen sie umfangreiche, teils weltweit ausstrahlende Kunstkollektionen zusammen. Das Buch rekonstruiert die Entwicklung des internationalen Kunstmarktes im 20. Jahrhundert und analysiert vor diesem Hintergrund die Sammeltätigkeit der Thyssens. Es fragt danach, wie sich die Thyssens in die Kunstwelt integrierten, wie sie ihre Kunstkäufe organisierten und was sie zum Sammeln motivierte.

    Die Studie zeigt, dass Kunstwerke weit mehr als nur ästhetische Bedürfnisse befriedigten. Sie waren auch ein Mittel zur Geldanlage, Repräsentation und sozialen Distinktion. Die Thyssens nutzten ihre Kunstsammlungen zudem, um Steuerforderungen zu mindern, eine gewünschte Staatsbürgerschaft zu erlangen und exklusive Kontakte zu knüpfen. Nicht zuletzt dienten ihre Kollektionen der familialen Dynastiebildung.

Unternehmensgeschichtliche Teilprojekte
  • Die Vereinigte Stahlwerke AG im Nationalsozialismus
    Die Vereinigte Stahlwerke AG im Nationalsozialismus.
    Konzernpolitik zwischen Marktwirtschaft und Staatswirtschaft (Alexander Donges)

    Im »Dritten Reich« zählte die Vereinigte Stahlwerke AG zu den führenden Industriekonzernen. Alexander Donges untersucht, wie stark staatliche Akteure die Konzernpolitik beeinflussten und welche autonomen Spielräume das unternehmerische Handeln hatte.
    Während die Konzernentwicklung für die Zeit vor 1933 in der unternehmenshistorischen Literatur bereits umfassend untersucht wurde, blieb sie für die Jahre 1933-1945 weitgehend unbeachtet. Die Studie knüpft an die Debatte über die Frage nach den Handlungsspielräumen von Unternehmen und die Charakteristika der nationalsozialistischen Wirtschaftsordnung an. Sie kombiniert die qualitative Quellenauswertung mit der quantitativen Analyse betriebswirtschaftlicher Kennziffern.

  • Die Enteignung Fritz Thyssens
    Die Enteignung Fritz Thyssens. Vermögensentzug und Rückerstattung (Jan Schleusener)

    Der Großindustrielle Fritz Thyssen setzte sich früh für Hitler ein, brach aber 1939 mit dem NS-Regime, das ihn daraufhin enteignete. Nach 1945 rang er um die Rückerstattung.

    Das Buch erörtert die Erwartungen, Fehlwahrnehmungen und Brüche im Verhältnis Fritz Thyssens zum Nationalsozialismus. Mit seiner Flucht aus Deutschland riskierte er die Enteignung seines Vermögens – das NS-Regime ordnete sie im Dezember 1939 an. Der Autor zeigt, wie der komplexe Prozess der Beschlagnahme und Verwertung des privaten und industriellen Vermögens verlief. Ebenso untersucht er das Entnazifizierungsverfahren, das 1948 mit der Frage konfrontiert war, inwieweit Thyssens Bruch mit dem Regime die frühere Förderung Hitlers aufwiegen könne. Die Einstufung als »Minderbelasteter« ermöglichte es, die Rückerstattung der Vermögenswerte zu beantragen. Die hier erstmals aus den Quellen erhellte Restitution war mit wirtschaftspolitischen Fragen verknüpft, die aus dem Fall Thyssen einen Sonderfall der »Wiedergutmachung« machten.

  • Thyssen in der Adenauerzeit
    Thyssen in der Adenauerzeit. Konzernbildung und Familienkapitalismus (Johannes Bähr)

    Der Thyssen-Konzern entstand nach dem Zweiten Weltkrieg als Familienunternehmen neu. Der Autor beschreibt die bemerkenswerte Geschichte des Konzerns und seiner Eigentümerinnen und Eigentümer in dieser Zeit, die auch ein Stück Frühgeschichte der Bundesrepublik ist.

    Heute ist kaum noch bekannt, dass der nach dem Zweiten Weltkrieg neu entstandene Thyssen-Konzern zunächst ein Familienunternehmen war. Der Autor zeigt, wie es dazu kam und warum die Familie schließlich ihren Einfluss auf den Konzern verlor. Vor dem Hintergrund des Aufstiegs der August Thyssen-Hütte von einem teildemontierten Werk zu einem der größten Stahlhersteller Europas werden hier erstmals die Verbindungen zwischen der Familie, ihren Bevollmächtigten, dem Management des Konzerns und der Politik untersucht. Die Studie beschreibt ein Stück Frühgeschichte der Bundesrepublik als Unternehmensgeschichte und verweist dabei auch auf die Anfänge der westeuropäischen Integration.

  • Vom Stahlkonzern zum Firmenverbund
    Vom Stahlkonzern zum Firmenverbund – Die Unternehmen Heinrich Thyssen-Bornemiszas von 1926 bis 1932 (Harald Wixforth)

    Nach dem Tod August Thyssens versuchte sein Sohn Heinrich Thyssen-Bornemisza, als Unternehmer eigene Wege zu gehen. Die Entwicklung seiner Firmen ist bis heute ein kaum bekannter Teil der Geschichte Thyssens im 20. Jahrhundert.

    Ab Herbst 1926 verfolgte Heinrich Thyssen-Bornemizsa das Ziel, seinen Erbteil des Thyssen-Konzerns effizient zusammenzufassen. Der von ihm gegründeten Holding gelang es jedoch nicht, ihre Aufgabe als zentrales Lenkungs- und Kontrollorgan zu erfüllen. Die Studie untersucht die Gründe dafür. Zudem beleuchtet sie die Entwicklung und Wettbewerbsposition einzelner Betriebe aus Heinrichs Verbund bis zum Ende seiner Formationsphase 1932 und erklärt, warum sich diese trotz wirtschaftlich schwieriger Rahmenbedingungen erfolgreich am Markt behaupten konnten.

  • Zwangsarbeit bei Thyssen
    Zwangsarbeit bei Thyssen. »Stahlverein« und »Baron-Konzern« im Zweiten Weltkrieg (Thomas Urban)

    Thomas Urban untersucht den Zwangsarbeitereinsatz bei Thyssen erstmals in großer Breite – von den Hüttenwerken und einer Zeche im rheinischen Ruhrgebiet bis zu zwei Werften in Norddeutschland.

    Der Name Thyssen steht für eine der bekanntesten deutschen Unternehmerfamilien. Doch welche Rolle spielten die Unternehmen beim »Arbeitseinsatz« im Zweiten Weltkrieg? Neben dem Ausmaß und der Eingliederung von Zwangsarbeit in die Kriegsproduktion widmet sich der Autor vor allem dem Handeln der Akteure – vom Eigentümer Baron Thyssen-Bornemisza über Vorstände und Meister bis hin zum Lagerpersonal. Dabei wird deutlich, dass die Verantwortlichkeiten im »Stahlverein« und »Baron-Konzern« höchst individuell waren und dass Täter durch die Entnazifizierung nach 1945 zu bloßen »Mitläufern« wurden.

Die Informationen zu den Büchern sind der Webseite des Verlages Ferdinand Schöningh entnommen.