Vortrag von Prof. Dr. Dres. h.c. Josef Isensee (Bonn)
im Rahmen des Symposiums Religion im säkularen Europa
Die Europäische Union ist die Organisation des gemeinsamen Binnenmarktes, die sich bemüht, sich zur Wertegemeinschaft zu entwickeln. Doch bislang ist es ihr nicht gelungen, ihre politische Identität zu bestimmen. Sie bildet einen Apparat, der eine Seele sucht. Die Europaidee, die in den Nachkriegsjahren wirksam war, ist heute verdunstet. Diese Idee war stark geprägt vom Christentum, dem der alte Kontinent, keine geographische, sondern eine kulturelle Größe, seine geistige Einheit verdankt. Die EU scheut sich jedoch, sich zu den christlichen Wurzeln Europas zu bekennen. Die europäischen Verträge, sonst so redselig, halten auffällige Distanz zum Christentum, so dass geradezu von einer Christophobie gesprochen werden kann.
Der säkulare Charakter der Union steht außer Diskussion, desgleichen die negative Religionsfreiheit auch für die außerchristlichen Religionen. Die Union klammert, aus gutem Grund, die Materie des Staatskirchenrechts (im deutschen Verständnis) aus. Sie verhält sich indifferent zum deutschen Kooperationskonzept wie zum französischen Trennungskonzept. Fremd ist ihr auch die überkonfessionelle Staatsreligiosität, wie sie den USA eignet. Gleichwohl gilt für die EU, was für alle freiheitlichen Demokratien gilt: dass ihre Verfassungen auch auf religiösen und postreligiösen Voraussetzungen beruhen und dass diese Voraussetzungen ihnen nicht gleichgültig sein können.
Programm