Arbeitskreis

Europa - Politisches Projekt und kulturelle Tradition

Europa wird vornehmlich als eine politisch-ökonomische Zweckgemeinschaft wahrgenommen, deren Anerkennung von den - nicht immer kurzfristig kalkulierten - Erfolgsaussichten abhängt. Das Fundament der europäischen Integration reicht aber über eine bloße Interessengemeinschaft weit hinaus. Wesentlich sind die in der Tradition gewachsenen kulturellen und politischen Werte. Ohne diese Wertegemeinschaft wäre der politische Zusammenschluss Europa nicht zustande gekommen, und ohne eine kontinuierliche Bekräftigung der gemeinsamen Werte wird die Zukunft Europas gefährdet.

Der Arbeitskreis soll die Bedeutung von Europas gemeinsamer kultureller Tradition untersuchen und dabei sowohl das Erfordernis als auch die Chancen einer Stärkung des Bewusstseins dieser Tradition erörtern. Dieses Vorhaben erscheint umso dringlicher, als in jüngerer Zeit erhebliche Zweifel an der Existenz und dem Gewicht einer Europa verbindenden kulturellen Vergangenheit angemeldet worden sind. So steht infrage, welchen Sinn in weitgehend säkularisierten Gesellschaften das Erbe einer Religion besitzen soll, deren Institutionen zunehmender Kritik ausgesetzt sind und deren konfessionelle Vielfalt lange Zeit als konfliktträchtiger Faktor der Desintegration gewirkt hat. Was den Begriff der kulturellen Tradition anbelangt, so scheinen sich etwa in der Spätantike durch die in dieser Epoche stattfindende Fusion der pagan-antiken und der jüdisch-christlichen Kultur maßgebliche Prämissen der westlichen Kultur herausgebildet zu haben. Wesentliche Bedeutung kommt zudem dem Mittelalter zu, in dem sich, was häufig verkannt wird, ein intensiver Dialog der drei abrahamitischen Religionen, Judentum, Christentum und Islam, entwickelt.

Zum kulturellen Erbe zählt wesentlich das (demokratisch gewonnene) Recht, einschließlich elementarer Gerechtigkeitsanforderungen wie der Gleichheit vor dem Gesetz und der wachsenden Gleichberechtigung zunächst des Bürgertums, dann der Arbeiterschaft, schließlich der Frauen sowie der Anerkennung von Grund- und Menschenrechten. Die Kultur wird also nicht auf Musik, Literatur und Kunst sowie andere Gegenstände der Kulturwissenschaft verkürzt. Als Kerngrammatik des Sozialen ist das Recht ein Kosmos, der unsere gesamte persönliche, soziale und natürliche Welt betrifft, in dieser Globalität behandelt dem Vorhaben des Arbeitskreises aber ein identifizierbares Profil nehmen würde. Die Zuordnung des Rechts zum Kern der europäischen Kultur hat nun eine erhebliche, wo erforderlich auch politische Tragweite: Recht samt Gerechtigkeit sind für Europa Grundwerte im emphatischen Sinn, nämlich Werte, auf die andere Werte gründen und die selbst unverzichtbar und unveränderbar sind.

Eine wichtige Komponente ist die Betrachtung Europas aus der Sicht anderer Kulturen und Kontinente. Diesem Blick von außen soll deshalb eine besondere Bedeutung zukommen. Wie stellen sich Divergenz und Konvergenz europäischer Kultur(en) aus externer Perspektive dar. Wie verhalten sich Fremd- und Selbstwahrnehmung der Kultur Europas. Gerade diese Konfrontation der beiden verspricht zur Vergewisserung über die Besonderheiten der Kultur unseres Kontinents ganz besonderen Aufschluss.

Der Arbeitskreis der Fritz Thyssen Stiftung bietet für diese Themenkomplexe ein interdisziplinär arbeitendes Forum.