W. Daniel Wilson | Professor für Germanistik an der Royal Holloway, University of London
REIMAR LÜST-PREISTRÄGER 2016
»Die Nazis konnten mit Goethe nichts anfangen.« Diese oft wiederholte Behauptung ist eine Halbwahrheit. Die Spaltung in den Ansichten zu Goethe ging mitten durchs nationalsozialistische Lager. Unser Goethe – Aufklärer, Humanitätsapostel, Weltbürger, Kriegsgegner, Freimaurer, Judenfreund – war bei Nationalsozialisten in der Tat verhasst. Aber diejenigen, die an einen anderen, uns fremden Goethe glaubten – Antiaufklärer, Nationalist, Kriegsbefürworter, Geheimbundgegner, Judenfeind – feierten Goethe in der NS-Zeit. Es war die selbstgestellte Aufgabe der Goethe-Gesellschaft in Weimar, der wichtigsten literarischen Vereinigung in Deutschland, diesem ›Deutschen Goethe‹ zum Triumph zu verhelfen – und dadurch ihre eigene Existenz zu sichern. Das gelang vor allem in den Jahren 1936-1938. Und weil sie viele Mitglieder im Ausland hatte, sah Goebbels für die Goethe-Gesellschaft eine kulturpolitische »Weltmission« vor, die ihr bedeutende Privilegien verschaffte. Auf Grund von bisher kaum benutzten Archivalien wird die Verstrickung der Goethe-Gesellschaft im ›Dritten Reich‹ erzählt.
Anschließend diskutiert W. Daniel Wilson mit Professor Georg Braungart, Inhaber des Lehrstuhls für Neuere deutsche Literatur, Eberhard Karls Universität Tübingen, und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Fritz Thyssen Stiftung.