Moderne demokratische Gesellschaften zeichnen sich unter anderem durch die institutionelle Trennung von Recht und Politik aus. Gleichzeitig muss rechtliche Unabhängigkeit durch politische Verfahren legitimiert werden und politische Entscheidungen müssen rechtlich fundiert sein.
Andreas Voßkuhle erläutert in seinem Vortrag die besonders exponierte Rolle, die den Richterinnen und Richtern des Bundesverfassungsgerichts an der Schnittstelle von Politik, Recht und Moral zukommt. Sie werden von Bundesrat und Bundestag gewählt, um dann die Einhaltung der Vorgaben der Verfassung durch die politischen Akteure zu kontrollieren. Darüber hinaus betreffen die Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts häufig gesellschaftliche Wertevorstellungen, die nicht selten eng mit umstrittenen moralischen Grundannahmen verknüpft sind. Je intensiver gesellschaftliche Entwicklungen als Krisen beobachtet werden, desto stärker wächst die Erwartung, dass rechtliche Entscheidungen nicht nur rechtlich korrekt, sondern zugleich moralisch gut sein sollen.
Moderiert wird die Veranstaltung von Peter Strohschneider, emeritierter Professor für Germanistische Mediävistik an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Andreas Voßkuhle ist Direktor des Instituts für Staatswissenschaft und Rechtsphilosophie und Inhaber des Lehrstuhls für Öffentliches Recht an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Von 2008 bis 2020 war er Richter am Bundesverfassungsgericht, von 2010 bis 2020 dessen Präsident. Er ist Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Fritz Thyssen Stiftung.