Die »Missa solemnis«, die Beethoven selbst als das »gröste Werk, welches ich je geschrieben« bezeichnete, war von ihrem Komponisten eigentlich gedacht für die Inthronisation seines Kompositionsschülers, des Erzherzogs Rudolph, als Erzbischof von Olmütz im Frühjahr 1820. Doch wuchs sich die Arbeit an der Messe zu einem unvorhersehbar langwierigen Prozess aus, für dessen Bewältigung Beethoven schließlich mehr als drei Jahre benötigte. Über den Beginn der Niederschrift, ganz oben an den Rand, setzte er ein selbstformuliertes Motto: »Von Herzen – Möge es wieder – zu Herzen gehn!«. Im Fortgang der mühseligen Kompositionsarbeit wurde das sauber begonnene Manuskript infolge zahlreicher Korrekturen so unübersichtlich, dass Beethoven sich eine Arbeitskopie anfertigen ließ. Bei dieser Gelegenheit verschwand das schöne Motto des Beginns, das daher auch in der Druckausgabe nicht erscheint. Ob lediglich der Kopist es für unwesentlich hielt, oder ob Beethoven bewusst darauf verzichten wollte, ist ebenso umstritten wie die Frage, ob sich die emphatische Formulierung an die gesamte Menschheit oder aber ganz vertraulich an seinen kaiserlichen Kompositionsschüler richten sollte.
Bis heute setzt das Werk der praktischen Aufführung wie dem Verständnis enorme Schwierigkeiten entgegen, obwohl es im Kanon des Musiklebens längst angekommen ist. Kaum ein anderes großes Werk Beethovens hat eine so zwiespältige Rezeption, keines aber auch eine so enthusiastische Verehrung erfahren – ganz zu schweigen von ihrer Wirkung auf die nachfolgende Kompositions- und Ideengeschichte.
Von der Fritz Thyssen Stiftung gefördert, werden (ursprünglich geplant für das Beethoven-Jubiläumsjahr 2020) die bis heute kontrovers diskutierten Aspekte der Genese, der musikalischen Struktur und der religionsphilosophischen Kontexte dieses außergewöhnlichen Werks den Gegenstand einer internationalen interdisziplinären Tagung bilden.