Förderung Geförderte Vorhaben Zwischen staatlicher Fürsorge und privater Vorsorge – Eine interdisziplinäre Studie zur Versorgungssicherung im 6. Jahrhundert anhand des Getreidespeichers von Caričin Grad

Zwischen staatlicher Fürsorge und privater Vorsorge – Eine interdisziplinäre Studie zur Versorgungssicherung im 6. Jahrhundert anhand des Getreidespeichers von Caričin Grad

Archäobotanische und geoarchäometrische Untersuchungen am Fundplatz eines großes „horreum“ (Magazingebäude) sollen Aufschlüsse geben über die Strategien der Versorgungssicherung in der Krisenzeit des 6. Jahrhunderts im balkanischen Donauraum.

Nachdem die Goten und Hunnen ab dem späten 4. Jahrhundert n. Chr. in den balkanischen Donauraum eingefallen waren und begonnen hatten, sich auf dem eroberten Terrain anzusiedeln, kam es in der Region zu fortwährenden kriegerischen Auseinandersetzungen und Machtkämpfen. Um die byzantinische Herrschaft auf dem Balkan in ihrer institutionellen und materiellen Infrastruktur wieder herzustellen und zu sichern, wurden umfassende Baumaßnahmen zunächst unter Anastasios (reg. 491-518), dann aber vor allem unter Kaiser Justinian I. (reg. 527-565) vorgenommen. In diesem Kontext wurde die im südlichen Serbien zwischen dem Berg Radan und der Leskovac Ebene gelegene byzantinische Stadt Iustiniana Prima (Caričin Grad) um 530 n. Chr. auf einer zuvor unbesiedelten Anhöhe errichtet und anschließend – wie verschiedene andere Städte auch – mit einem Gebäude zur zentralen Vorratsspeicherung ausgestattet. Dabei hat man sich auf eine Form der städtischen Vorratshaltung besonnen, die auf dem Balkan zwar bereits seit dem 3. Jahrhundert bekannt war, die aber im Verlauf des 4. und 5. Jahrhunderts an Bedeutung verloren hatte und erst im 5. und 6. Jahrhundert wieder an Bedeutung gewann.
Mit der Studie nehmen Prof. Kirleis und Dr. Schreg die Strategien der Versorgungssicherung in der Krisenzeit des 6. Jahrhunderts in den Blick und führen archäobotanische und ergänzende geoarchäometrische Untersuchungen am Fundplatz eines großes „horreum“ (Magazingebäude) in der Oberstadt von Caričin, das 2016 aufgedeckt wurde und 2017 vollständig ergraben werden soll, durch. Schon jetzt ist klar, dass die zentrale, staatlich organisierte Vorratshaltung zugunsten einer dezentralen Lagerung in privaten Häusern aufgegeben wurde und dass an die Stelle des Speicherbaus kleinere Häuser traten. Die bereits zu einem frühen Zeitpunkt aufgegebene Funktionsweise des Speichergebäudes wirft Fragen hinsichtlich der Versorgung durch den Staat bzw. des auf mediterranen Importen und lokal produzierten Gütern basierenden militärischen Versorgungssystems auf, das große Bedeutung für die Frontregion hatte. In diesem Zusammenhang ist zu klären, warum die Siedlung bereits drei Generationen nach ihrer Errichtung schon um 615 aufgegeben wurde.
In dem Projekt geht es darum, den Wandel von der zentralen zur dezentralen Vorratshaltung nachzuvollziehen und anhand der archäobotanisch zu analysierenden pflanzlichen Makroreste detailliert nachzuweisen. Mit ergänzenden Analysen von Lipiden und Elementgehalten in Böden und Gefäßresten werden zudem auch andere Nahrungsmittel sowie Einträge während einer sekundären Nutzung untersucht, die keine pflanzlichen Makroreste hinterlassen haben.
Die Wissenschaftler wollen zeigen, wie sich die verschiedenen Nutzungsphasen des Gebäudes voneinander unterscheiden. Wurde das Gebäude für andere landwirtschaftliche Aufgaben genutzt oder wurde es vielleicht nur partiell umfunktioniert, nachdem es für die Vorratsspeicherung nicht mehr in Frage gekommen war? Ist die Verlagerung der Vorräte in private Haushalte der Zweckentfremdung des Speichers geschuldet oder hat die private Vorsorge dazu geführt, dass das „horreum“ überflüssig wurde? Wie unterscheiden sich die Pflanzenfunde aus dem „horreum“ von denen aus den privaten Vorratshaltungen und lassen sich Hinweise auf eine diversifizierte Wirtschaftsstrategie erkennen? Abschließend soll die Entwicklung des „horreum“ im überregionalen Kontext der balkanischen Warenversorgung historisch eingeordnet werden.