Funding Funded Projects Zur Neubewertung der Naiven Kunst. Internationale Rezeption und theoretisch-methodische Erschließung

Zur Neubewertung der Naiven Kunst. Internationale Rezeption und theoretisch-methodische Erschließung

Die sogenannte Naive Kunst ist ein Sammelbegriff für künstlerische Arbeiten von Autodidaktinnen und Autodidakten, welche, losgelöst vom akademischen Kanon, eine betont einfache Bildsprache entwickelt haben. Ihre Rezeption setzte erst im frühen 20. Jahrhundert im Umkreis der künstlerischen Avantgarde und ihrer Sammler ein, wobei die „Kind-gebliebenen-Erwachsenen“ als Vorläufer und Mitstreiter auf dem Weg zu einem neuen, von Konventionen befreiten Sehen gefeiert wurden.

Ein von Mythen der Ursprünglichkeit und Authentizität geprägtes Verständnis der Naiven Kunst steht der kunsthistorischen Einordnung und damit der wissenschaftlichen Erfassung grundsätz­lich im Wege. Daher rekonstruiert Prof. Zimmermann die Begriffsgeschichte der Naiven Kunst mit Blick auf andere marginalisierte Kunstformen (Primitive und außereuropä­ische Kunst, Kinder- und Volkskunst). Nach erster Durchsicht der Quellen sind die vermeintlich authenti­schen Werke unverbildeter Künstlerinnen und Künstler im Kontext der Erfahrungen nach 1945 und der auf­kommenden Medien- und Fernsehkultur mit neuen Augen gesehen und der Begriff „Naive Kunst“ zivilisati­onskritisch aufgeladen worden. Darüber hinaus wird die von der Forschung völlig übersehene internationale Ausstellungsgeschichte der „Naiven“ vor und nach dem Zweiten Weltkrieg erschlossen und ein theoretisch-methodischer Zugang entwickelt, um die Naive Kunst im kunsthistorischen Diskurs besser verankern zu können. Dabei macht Prof. Zimmermann die literatur­wissenschaftliche Theorie über die sog. sekundären oralen Kulturen für den kunstgeschichtlichen Diskurs und die Rezeptionsästhetik fruchtbar.

Ferner zeichnet sie die einschlägige Kunstkritik wie auch die Geschichte der politischen Instrumentalisierung diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs nach und zeigt, wie Bilder mit identischen Merkmalen sowohl von avantgardistischen und links-progressiven als auch von konservativen und völkisch orientierten Gruppen unter jeweils veränderten Vorzeichen in Anspruch genommen wurden. Warum wurden die Naiven in einigen Ländern besonders gefördert und inwieweit wurde ihre Suche nach dem „Ursprünglichen“ im Prozess der Nationen­bildung instrumentalisiert? Da die in verschiedenen Regionen parallel verlaufende Blüte der Naiven Kunst als globales Phänomen herausgearbeitet wird, liefert deren vergleichende Erforschung auch einen Beitrag zur „global art history“. Ein besonderes Augenmerk gilt der Frage, worin der gemeinsame Nenner bestand, der ausschlaggebend dafür war, dass die Naive Kunst in den 1930er-Jahren und erneut in der Periode des Kalten Krieges zur Überbrückung politischer und ästhetischer Gegensätze benutzt worden ist. Im vierten Arbeitsschritt werden die Lebensläufe repräsentativer Künstlerinnen und Künstler zusammengestellt, die überlieferten Anek­doten und Legenden im Spannungsfeld von Würdigung und Schmähung untersucht und im Kontext geläufiger Künstlerlegenden analysiert. Im abschließenden Teil geht es dann um die Frage, welche Akteure und Netzwerke die Naive Kunst in Deutschland, Frankreich, Belgien, Polen, Jugoslawien sowie in der Sowjetunion, der Tschechoslowakei und den USA gefördert haben. Welche Beweggründe hatten die Akteure und in welchen heimisch-ideologischen und internationalen Zusammen­hängen haben sie agiert?

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