Funding Funded Projects Wider den kolonialen Blick. Fotografie und gegenhegemoniale Subjektpositionen im philippinisch-amerikanischen Krieg (1899-1902)

Wider den kolonialen Blick. Fotografie und gegenhegemoniale Subjektpositionen im philippinisch-amerikanischen Krieg (1899-1902)

Dr. Silvan Niedermeier untersucht mit diesem Projekt, wie afroamerikanische und philippinische Akteure des Philippinisch-Amerikanischen Krieges (1899-1902) das Medium der Photographie nutzten, um gegenhegemoniale, das heißt das hegemoniale Feld der kolonialen Repräsentation herausfordernde, Subjektpositionen herauszubilden.

Die Aus­gangsthese lautet, dass – obwohl afroamerikanische Soldaten und philippinische Revolutionäre in diesem Krieg als Gegner aufeinandertrafen – sich in den über­lieferten photographischen Zeugnissen vergleichbare Strategien der Sichtbarmachung und Inszenierung von Vorstellungen soldatischer Männlichkeit, Ehre und staatsbürgerlicher Befähigung identifizieren lassen, die sich auf unterschiedliche Weise zu rassisch kodierten weißen hegemonialen Subjektentwürfen verhielten.

Drei zentrale Fragenkomplexe werden untersucht:

Erstens wird nach den materialen Bedingungen afro­amerikanischer und philippinischer photographischer Praktiken im Philippinisch-Amerikanischen Krieg gefragt. So nutzten zahlreiche weiße US-amerikanische Offiziere, Soldaten und Kolonialbeamte sowie auch weiße Frauen, die als Lehrerinnen oder Ehegattinnen von Armee­offizieren in die Philippinen reisten, eigene Kameras, um ihre Erfahrungen im Kontext des Krieges festzuhalten. Der Kolonialkrieg in den Philippinen war damit einer der ersten Kriege, der von den Beteiligten photographisch dokumentiert wurde.

Gestützt auf Methoden der historischen Bildforschung sowie kultur- und sozialwissenschaftliche Theoriean­sätze, wird zweitens nach den visuellen Strategien und Formen der photographischen Selbstin­szenierung gefragt. Es wird untersucht, auf welche Weise sich afroamerikanische Protagonisten des Krieges mittels der Photographie in Szene setzten. Inwiefern griffen sie auf bereits etablierte visuelle Konventionen schwarzer militärischer Männlichkeit zu­rück und positionierten sich zugleich zu rassistischen Stereotypisierungen in der zeitgenössischen visuellen Kultur der USA? Welche Unterschiede und Gemeinsam­keiten zu photographischen Selbstdarstellungen weißer US-amerikanischer Soldaten und Offiziere sind erkenn­bar? Welche Haltungen zum imperialen Projekt der USA in den Philippinen bringen die Bilder zum Ausdruck? Ähnliche Fragen werden an die überlieferten Bilder der philippinischen Akteure in diesem Krieg gestellt. Hier wird u. a. geklärt, inwiefern sich die philippinischen Revolutionäre im Krieg gegen die USA implizit oder ex­plizit von ihrer abwertenden und marginalisierenden Rahmung durch US-amerikanische Politiker, Militärs und weite Teile der US-amerikanischen Öffentlichkeit ab­grenzten. Inwieweit widersetzten sich die angefertigten Photographien dem Stereotyp der „kindlichen“ und „ras­sisch unterlegenen” Philippiner und deren „unehrenhaf­ten“ und „skrupellosen” militärischen Anführer, die die öffentliche Darstellung des philippinischen Unabhängig­keitskampfes in den USA prägte?

Drittens werden die Zirkulation und die Gebrauchsweisen der Photographien von afroamerikanischen und philippi­nischen Akteuren des Amerikanisch-Philippinischen Krieges untersucht. Zur Beantwortung dieser Frage werden zeitgenössische afroamerikanische und philippinische Zeitungen, Zeitschriften und Publikationen herangezogen. Zu klären ist hier u. a., welche Verbreitung und Aneignung die Bilder des Widerstandes gegen die US-Besatzung in den Philippinen, den USA und anderen Teilen der Welt gefunden haben. Erste Vor­recherchen haben ergeben, dass philippinische Publizis­ten das Ziel verfolgten, spanische und europäische Unterstützung für den Unabhängigkeitskampf zu gewinnen. Weiterhin wird nach der Reproduktion dieser Photographien in US-amerikanischen Medien der Zeit gefragt. Eine Forschungsthese lautet dabei, dass die abgedruckten Photographien in einem spezifischen Spannungsverhältnis zu der in der Regel abwertenden Darstellung der philippinischen politischen Bestrebungen standen.

Die Erforschung der drei Fragekomplexe soll zum einen Vielfalt und Vielschichtigkeit photographischer Praktiken im Philippinisch-Amerikanischen Krieg deutlich machen. Zum anderen soll die Eigenständigkeit und erinnerungs­politische Relevanz nicht-weißer photographischer Re­präsentationen dieses Krieges und deren Abgrenzung von und Verflechtung mit hegemonialen weißen Blick­konventionen herausgearbeitet werden. Dr. Niedermeier greift damit das Postulat der neuen Kolonialgeschichte und der postkolonialen Studien auf, den Kolonialismus nicht als einseitigen Prozess der Unterwerfung und Beherrschung zu betrachten, sondern als kontingentes und wechselseitiges Geschehen zu verstehen.

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