„Von der Verpofelung der Welt“. Der unbekannte Schriftsteller Hermann Borchardt: Eine Edition aus seinem Nachlass
Unter den deutschen Exilautoren des 20. Jahrhunderts darf Hermann Borchardt (1888-1951) bis heute als der in der Rezeption glückloseste gelten – obwohl er von vielen namhaften Zeitgenossen geschätzt und/oder unterstützt wurde, vor allem von seinem Freund George Grosz, aber auch von Walter Benjamin, Erwin Piscator, Bertolt Brecht, Franz Werfel, Thomas und Klaus Mann, Hans Sahl u. a.
Borchardt, in einer assimilierten jüdischen Familie geboren, studierte Philosophie und Germanistik (Promotion 1917), arbeitete dann als Lehrer in Berlin, verkehrte mit der dortigen künstlerischen Avantgarde, veröffentlichte drei Dramen als Bühnenskripte, die nicht aufgeführt wurden, und sympathisierte mit dem Kommunismus, blieb aber der Politik, ideologischen Bekenntnissen und dem Materialismus fern. Nach einer Denunziation flüchtete er 1933 nach Paris und folgte dann einer Einladung nach Minsk, um an der dortigen Universität Deutsch zu unterrichten. Da er sich weigerte, die sowjetische Staatsbürgerschaft anzunehmen, wurde er von dort 1936 ausgewiesen, kehrte mit seiner Familie nach Berlin zurück, wurde dort verhaftet und nacheinander in den KZ Esterwegen, Sachsenhausen und Dachau interniert. 1937 durfte er, durch Misshandlung schwer hörgeschädigt und an der linken Hand versehrt, nach New York ausreisen. 1943 konnte er dort eine gekürzte, englische Fassung seines Romans „Die Verschwörung der Zimmerleute“ veröffentlichen, eine christliche Staatsutopie, in der er mit der Weimarer Republik und dem Kommunismus abrechnet (die deutsche ungekürzte Ausgabe erschien erst 2005 in Bonn). Weitere Manuskripte, z. T. ins Englische übersetzt, darunter ein Roman von ca. 400 Typoskriptseiten, der laut seinen Worten „von der Verpofelung [dem Verkommen] der Welt“ handelt, blieben ungedruckt; nur Aufsätze und Broschüren gelangten noch zur Publikation. Da er sich von Ernst Toller in dessen „Pastor Hall“ (1939) plagiiert fühlte, strengte Borchardt einen Rechtsstreit an; der blieb ergebnislos. Der Linken inzwischen sehr ferngerückt, konvertierte er zum Katholizismus. Sein stilistisch kaum modern zu nennendes Werk folgt – ohne Kompromisse mit populäreren Zeitströmungen und oft derb-komisch – der Linie eines gegenwartspessimistischen Konservativismus.
Borchardts Werk umfasst weiterhin Dramen, Romane, Erzählungen, politische Aufsätze (über Deutschland ab 1920, die Situation der Emigranten, Kommunismus, Totalitarismus u.v.a.), zudem autobiographische Schriften, etwa über seinen Aufenthalt in der stalinistischen Sowjetunion während einer großen Hungersnot oder ein „Lagerbuch“ über seine Haftzeit in den KZ, schließlich philosophische Abhandlungen, darunter einen Traktat „Über die Unsterblichkeit“ von ca. 700 Seiten, der – stilistisch geradezu heiter – eine fundamentale Kritik des modernen Skeptizismus, Relativismus, Empirismus und des Materialismus unternimmt.
Ziel des Projekts ist eine Edition von Hermann Borchardts weitestgehend unveröffentlichtem Werk als kritische Ausgabe in fünf Bänden im Wallstein Verlag. Ediert werden sämtliche unpublizierten literarischen Arbeiten mit Ausnahme der beiden Werke, die zu Borchardts Lebzeiten erschienen bzw. seither neu aufgelegt wurden. Die Edition soll auch Antworten darauf zu geben versuchen, warum Borchardt – trotz der zeitgenössisch anerkannten Beachtlichkeit seines Werks – heute sogar in der Exil-Germanistik so weitgehend vergessen ist. Als ein möglicher Grund dafür werden seine Publikations-Misserfolge detailliert nachgezeichnet unter Konsultation seiner umfangreichen Korrespondenz.