„To Know the Mind as it Truely Is‟: Science, Religion, and the Buddhist Discovery of Consciousness
Ziel des Forschungsvorhabens ist es, die Neuinterpretation der buddhistischen Lehre vom „Geist“ in den Diskursen japanischer Zen-Buddhisten des 19. und 20. Jahrhunderts nachzuzeichnen.
Während im vormodernen Buddhismus der „Geist“ eher eine allgemeine, nicht festgelegte kosmologische „Größe“ darstellt, die unabhängig vom Menschen und anderen „Lebens- und Seinsformen“ existiert, und der Weg der Erlösung des Menschen darin besteht, sich sowohl von den Beschränkungen des Körpers als auch den Inhalten und Grenzen des „Geistes“ zu befreien, reinterpretieren japanische Zen-Buddhisten des 19. Jahrhunderts, insbesondere Hara Tanzan (1819–1892) und seine Schüler (u. a. Kiyozawa Manshi, Sasaki Gesshō), den klassischen buddhistischen Begriff des „Geistes“ als subjektives menschliches „Bewusstsein“, das als Instrument der „(Selbst-)Befreiung“ bzw. „Erlösung“ des Menschen angesehen werden kann. Zudem versuchen sie, die Methoden und Erkenntnisse der (westlichen) empirischen Wissenschaften aufnehmend, die „natürlichen Grundlagen“ des „Geistes“ zu erfassen, indem sie ihn in physiologischen Prozessen und physikalischen Strukturen des menschlichen Gehirns verankern.
Darüber hinaus entwickeln sie einen therapeutischen und medizinischen Zugang zur Meditation. Die „soteriologische“ Funktion der Meditation und Versenkung besteht nun nicht mehr – wie im vormodernen Buddhismus – darin, sich von den Beschränkungen des menschlichen Daseins (Gebrechen, Zerfall, Endlichkeit, Leid etc.) zu befreien und aus dem Kreislauf der Wiedergeburten auszusteigen, sondern die körperlichen und seelischen Beschwerden und Krankheiten des Menschen zu heilen. Mit dieser Neuinterpretation des Begriffes vom „Geist“ beschreiten die buddhistischen Gelehrten, ähnlich wie in Europa Schleiermacher und andere Theologen, den Weg der „Anthropologisierung“ und „Säkularisierung“ der Religion und machen den Buddhismus damit grundsätzlich anschlussfähig für kulturübergreifende Debatten über das Verhältnis von Religion, Philosophie und Naturwissenschaften. Außerdem schaffen sie die Voraussetzungen dafür, dass moderne (westliche) Wissenschaften wie Psychologie, Medizin, Kognitions- und Neurowissenschaften sich zunehmend für buddhistische Anschauungen (z. B. „Geist“, „Wirklichkeit“, „Lebenssinn“) und Praktiken (z. B. Meditation als „Mittel“ zur „Stressbewältigung“, das Prinzip der „Achtsamkeit“ als „Lebensregel“) interessieren.
Dr. Licha zeichnet die „Anthropologisierung“ des modernen Buddhismus, wie sie sich insbesondere in der Neuinterpretation der buddhistischen Lehre vom (menschlichen) „Geist“ durch japanische Zen-Gelehrte des 19. Jahrhunderts zeigt, nach und untersucht den Diskurs zwischen Buddhismus, Philosophie und Naturwissenschaften sowie allgemein die Begegnung des modernen Buddhismus mit westlichen Denktraditionen im 19. und 20. Jahrhundert.