Tiryns ‒ Das „mykenische Versailles“. Bauhistorische Untersuchung der Unterburgmauer von Tiryns
Die auf dem Peleponnes gelegene antike Stadt Tiryns wurde 1999 zum Weltkulturerbe erklärt. Einer der Hauptgründe dafür ist ihre Burgmauer in zyklopischem Steinformat.
Die Burgmauer besteht aus großen, unregelmäßig geformten Steinen und bietet eine polygonale Sichtfläche ohne waagerechte Fugen. Besucher der Stadt bestaunen seit der Antike die bereits bei Pausanias beschriebene architekonisch-handwerkliche Leistung aus der Zeit der mykenischen Palastkultur (1400-1200 v. Chr.), und obwohl das Bauen in zyklopischen Steinformaten nirgends besser und ausführlicher studiert werden kann als an der Unterburgmauer von Tiryns, dem so genannten „mykenischen Versailles“, ist eine ausführliche bauforscherische Würdigung bislang ausgeblieben. Dies ist umso erstaunlicher, als anschlussfähige Vorarbeiten, die durch Werner Schnuchel in den 1970er und 1980er Jahren geleistet wurden, bislang unausgewertet und unveröffentlicht geblieben sind.
Ausgangspunkt der Untersuchung ist die Mitte des 13. Jahrhunderts v. Chr. errichtete Unterburgmauer, die fast 7 Meter breit und rund 350 Meter lang ist und die sämtliche Gewölbetypen jener Zeit aufweist, darunter auch solche, die bislang an keinem anderen Ort nachgewiesen werden konnten. Unter Einbeziehung sämtlicher Quellen, die Auskunft über Bauweise und Eigenschaften der Materialien geben, wird nun eine intensive bauforscherischer Untersuchung vor Ort durchgeführt und die beispiellose Dichte bautechnisch anspruchsvoller Merkmale im historischen Kontext anderer mykenischer Steinformate dargestellt.
Zunächst wird die Bauabfolge geklärt. Offenbar ist die Mauer im Wesentlichen zwar in einem Stück entstanden, wurde dann aber – in einer zweiten Bauphase – durch häufige Planungswechsel mehrmals geändert. Unter Hinweis darauf, dass in der Mauer zwei „Schießscharten“ entdeckt wurden, über deren Funktion bislang nur spekuliert werden kann, möchte Prof. Maran klären, ob der Mauerzug vornehmlich der Verteidigung oder eher repräsentativen Zwecken diente. Darüber hinaus werden technische Fragen zu Material, Verarbeitung, Konstruktion und Ausführung der Mauer beantwortet, sämtliche Mauerkammern lokalisiert und die Voraussetzungen zur Frischwasserversorgung untersucht. Welche baulichen Spuren lassen sich eindeutig und ausschließlich mit der Frischwasserversorgung der Siedlung in der Unterburg in Verbindung bringen und wie müssen sie zeitlich eingeordnet werden? Die Erstellung eines 3D-Modells anhand von Fotografien erfolgt mittels modernster Methoden (Structure from motion), die die maßstabgetreue, händische Bauaufnahme vor Ort vereinfachen dürfte. Zudem werden die in den 1980er Jahren mit Hilfe photogrammetrischer Aufnahmen gezeichneten An- und Aufsichten zu aktualisieren und in die Gesamtbewertung einbezogen.