Funding Funded Projects The Plurality of Fontenelle’s Worlds. Translations, Transfers of Knowledge and Natural Philosophy in Europe (1687‒1780)

The Plurality of Fontenelle’s Worlds. Translations, Transfers of Knowledge and Natural Philosophy in Europe (1687‒1780)

Der Dialog „über die Vielheit der Welten“ des Frühaufklärers Bernard de Fontenelle (1657‒1757), in dem ein Philosoph adelige Gesprächspartnerinnen mit astronomi-schem Wissen seiner Zeit unterhält und dabei u. a. über die (heliozentrische) Beschaffenheit des Universums und vernunftbegabtes Leben auf anderen Planeten spekuliert, wurde europaweit zu einem „Bestseller“ galant-preziöser Literatur, obwohl die Kirche ihn wegen seiner libertinen Perspektiven auf den Index setzte.

Dr. Lista nimmt ca. 27 italienische, deutsche und engli­sche Übersetzungen dieses Werks aus ca. 100 Jahren (1686‒1780) in den Blick und möchte zeigen, wie es darin seinerseits „pluralisiert“ wurde, da die Übersetzen­den (die bekanntesten sind Johann Christoph Gottsched und die englische Proto-Feministin Aphra Behn) es in­haltlich anreicherten und an ihre jeweiligen Zielkulturen anpassten.

Viele der Übertragungen sind noch völlig un­erforscht, andere nur kultur- und literaturwissenschaft­lich untersucht, und zwar jeweils in einem nationalphilologischen Rahmen.

Dr. Lista wählt dagegen einen transnationalen kultur-, wissens- und wissenschaftshistorischen Ansatz und profiliert speziell die „agency“ der Übersetzer als Mediation zwischen verschiedenen Kulturkontexten. Die „Entretiens“ werden als ein transkulturell zirkulierender „Wissensort“ („site of knowledge“) aufgefasst, der sowohl normierende, als auch pluralisierende Tendenzen der Aufklärung zu beobachten erlaubt. Anhand seiner will Dr. Lista vor allem das Wissenschaftsnarrativ eines „linearen Übergangs“ von Descartes‘ Physik zu Newtonscher Wissenschaft im 18. Jahrhundert korrigieren.

Jeweils chronologisch werden drei Untersuchungsachsen verfolgt:

  • (Natur-)Philosophie: Wie positionie­ren sich die Übersetzungen in astronomischen Debatten und zu den diversen philosophischen Paradigmen ihrer Zeit (Descartes‘ Wirbeltheorie, Galileo, Leibniz und Christian Wolff, Hobbes, Newton)? Wie wird das Werk durch Paratexte (Vor- und Nachworte, Fußnoten) und Illustrationen (Frontispize, Himmelskarten, Allegorien) erweitert, aus- und umgedeutet?
  • Schreiben für spezi­fische Zielgruppen: Inwiefern wirken die Genderkonstellation und die dialogische Form der Wissensver­mittlung aus dem Original in den Zielkontexten weiter? Wie werden die Übersetzungen von Debatten über nati­onale Literaturtraditionen und die Volkssprachen als Kernelemente nationaler Kulturidentitäten oder von Aus­prägungen der „Querelle des Anciens et des Modernes“ beeinflusst? Welche soziologischen Aufschlüsse bieten Format und Materialität der Übersetzungsdrucke?
  • Religion und Theologie: Wie gehen Übersetzende unterschiedlicher Konfessionen mit kirchlich heiklen Aspekten des Originals um (Selbstzensur, Publikationsstrategien von Pseudo- oder Anonymität)? Wie nehmen die Übertragungen auf religiös-theologische Fragen ihrer Zeit Bezug (zum Verhältnis von Natur und Offenbarungsreligion, Bibel und Empirismus, göttlichem Willen und menschlicher Ratio, zum Theismus oder Cartesianischen Dualismus)? Welche „Re-Theologisierungen“ sind feststellbar – u. a. in England, im Kontext des Neoplatonismus?

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