Textkritische Edition der Epistula ad Marcellinum des Athanasius von Alexandrien (CPG 2097)
Die kritische Edition der „Epistula ad Marcellinum“ des Athanasius von Alexandrien (ca. 295 bis 373) kommt einem dringenden Desiderat der interdisziplinären Forschung nach.
In dem „Brief an Marcellinus“ entwickelt Athanasius bibelhermeneutische Reflexionen zum spirituellen Gebrauch des Psalters, die weitgreifende dogmen-, frömmigkeits- und liturgiegeschichtliche Bezüge, aber auch poetologische und musiktheoretische Implikationen aufweisen. Aufgrund dieses breiten Spektrums kommt dem Werk auch eine große kulturgeschichtliche Bedeutung zu. Während die Schrift im Altertum eine derartige Wertschätzung erfahren hat, dass sie sogar Eingang in die Bibelhandschrift des berühmten Codex Alexandrinus (5. Jahrhundert) gefunden hat und in mehrere orientalische Sprachen übersetzt worden ist, scheint sie in der modernen Forschungsdiskussion fast in Vergessenheit geraten zu sein. Dabei hat noch Martin Luther sich von ihr entscheidend für seine „Operationes in Psalmos“ inspirieren lassen.
Ziel des Forschungsvorhabens ist es, die bis heute einzig verfügbaren, unvollständigen und textkritisch ungenügenden Ausgaben von Bernhard de Montfaucon aus dem Jahre 1698 und von Johannes Ernst Grabe aus dem Jahre 1709 (nachgedruckt in der Sammlung von Jaques Paul Migne, Patrologia Graeca, Bd. 27, 1884) durch eine kritische Edition zu ersetzen, die dem komplexen handschriftlichen Überlieferungsbestand in mehreren Sprachen und verschiedenen Textgattungen gerecht wird. Es steht zu erwarten, dass damit auch ein Licht auf die Geschichte der Psalmenkommentierung im 4. und 5. Jahrhundert überhaupt fällt. Zugleich soll damit die Grundlage geschaffen werden, auf der das interdisziplinäre Forschungsgespräch im weiteren Horizont der christlichen Transformierung der spätantiken Lebenswelt und Kultur aufbauen kann.
Die Vorarbeiten, die alle die „Epistula ad Marcellinum“ enthaltenden griechischen Handschriften berücksichtigen, haben zu einer vorläufigen griechischen Textkonstitution mit einem vorläufigen textkritischen Apparat und zu einem Entwurf des Stemmas geführt. Das Verzeichnis der vorkommenden Bibelstellen ist ebenfalls im Entwurf abgeschlossen. Im Rahmen des Forschungsprojektes werden nun die orientalischen Versionen (armenisch, georgisch, syrisch) der „Epistula ad Marcellinum“ sowie der Katenenbestand der „indirekten“ Athanasius-Überlieferung untersucht. Die Auswertung der komplexen Traditionsgeschichte der Athanasiusschrift soll zur Erstellung eines endgültigen Stemmas führen. Die Edition der „Epistula ad Marcellinum“ (mit Praefatio, textkritischem und theologie- und musikgeschichtlichem Apparat) wird sodann als Camera-Ready-Druckvorlage abgeschlossen.