Steuervermeidung multinationaler Unternehmen auf Tochtergesellschaftsebene
Multinationale Unternehmen zahlen im Durchschnitt deutlich weniger Steuern als vergleichbare, rein national tätige Unternehmen. Neuere Forschungsergebnisse deuten dabei auf eine große Heterogenität auf Unternehmensebene hin, die unter anderem auf die Struktur der Tochtergesellschaften zurückgeht. Ziel des Vorhabens ist daher, Steuerplanung auf Ebene der einzelnen Tochtergesellschaften zu untersuchen.
Das Vorhaben gliedert sich in drei Teilprojekte: Da Steuervermeidung mit bestehenden Kategorien nicht vollumfänglich abgebildet werden kann, entwickeln Prof. Langenmayr und Prof. Koch im ersten Teilprojekt ein Maß, das die Steuerplanungsintensität innerhalb von Konzernen quantitativ misst. Dazu wird die effektive Konzernsteuerquote in zwei Komponenten zerlegt, die das Ergebnis operativer Entscheidungen und den Effekt von Steuervermeidung widerspiegeln. Die „Operating Effective Tax Rate“ gibt eine fiktive Konzernsteuerbelastung wieder, die sich bei gegebener Standortwahl und Allokation realwirtschaftlicher Faktoren ohne den Einsatz von Steuervermeidungspraktiken multinationaler Unternehmen ergeben würde. Sie wird direkt aus den unkonsolidierten Abschlüssen der Konzerngesellschaften berechnet. Die „Tax Avoidance Effective Tax Rate“ gibt an, um wieviel die tatsächliche Konzernsteuerquote die „Operating Effective Tax Rate“ unterschreitet. Sie wird retrograd als Differenz zwischen der effektiven Konzernsteuerquote und der „Operating Effective Tax Rate“ berechnet. Dabei kommen zwei Ansätze zur Anwendung: Erstens wird das mit der Höhe an nichtfinanziellen Vermögenswerten gewichtete Mittel der tariflichen Steuersätze herangezogen. Zweitens wird anstelle des tariflichen Steuersatzes je Konzerngesellschaft die Steuerquote vergleichbarer, aber unverbundener Unternehmen herangezogen. Die Verknüpfung wird dabei per Propensity-Score-Matching identifiziert. Abschließend werden die Ergebnisse dieses Teilprojekts mit den klassischen Steuerquoten verglichen.
Im zweiten Teilprojekt wird analysiert, wie die Steuerplanung von personellen und organisatorischen Strukturen innerhalb des Konzerns abhängt. Dies ist bisher überwiegend auf Ebene der Konzernmuttergesellschaft und nicht auf Ebene von Tochtergesellschaften untersucht worden. Hierbei wird auf ein internationales Karrierenetzwerk zurückgegriffen, um für ein Sample multinationaler europäischer Konzerne Informationen zu den Mitarbeitern der Steuerabteilung zu sammeln. Auf diese Weise wird der Frage nachgegangen, in welchen Ländern multinationale Konzerne die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihrer Steuerabteilung rekrutieren.
Das dritte Teilprojekt ist dem neu eingeführten „Country-by-Country-Reporting“ gewidmet. Es soll Steuerbehörden ermöglichen, Tochtergesellschaften zu identifizieren, die besonders aggressiv Steuern vermeiden. Die Wirkungsweise dieses Instruments wird modelltheoretisch analysiert. Im Modell mit n-Ländern und einer Steueroase kann das „Country-by-Country-Reporting“ indirekte Hinweise auf das Vorliegen von Gewinnverlagerung liefern, indem es besonders niedrige Steuerquoten aufzeigt. Die Vermeidung von Fixkosten durch Betriebsprüfungen ist im Modell ein Anreiz für Unternehmen, beim Reporting nicht mit einer besonders aggressiven Steuerplanung aufzufallen. Andererseits kann das Reporting zu unerwünschten Effekten in Hochsteuerländern führen, sobald die multinationalen Unternehmen ihre Gewinnverlagerung an die neuen Anreize anpassen. Im Modell wird zunächst die Reaktion der Unternehmen auf die Einführung des „Country-by-Country-Reporting“ hergeleitet. In einem zweiten Schritt werden die optimale Auditfunktion der Steuerbehörden ermittelt und Wohlfahrtseffekte an