Steigerung der Energieeffizienz in einkommensschwachen Haushalten: Empirische Evidenz und Feldexperimente
Angesichts des Ziels einer Transformation hin zu einer klimaneutralen Wirtschaft sind einkommensschwache Haushalte eine wichtige gesellschaftliche Gruppe. Sie werden durch preisbasierte Instrumente proportional höher belastet als besserverdienende Haushalte und haben geringere Möglichkeiten, auf Preissteigerungen mit Verhaltensänderungen und Investitionen in emissionsärmere Ausstattungen zu reagieren. Gleichzeitig sind sie relativ wenig erforscht und in der Diskussion unterrepräsentiert, obwohl etwa 16 Prozent der Haushalte in Deutschland als einkommensschwach gelten.
Vor diesem Hintergrund ist das Vorhaben in zwei Teilprojekte gegliedert: Im ersten Teilprojekt wird empirisch ein Transformationsprogramm evaluiert, das einkommensschwache Haushalte beim Umstieg auf energiesparendes und emissionsarmes Verhalten unterstützt. Im zweiten Teilprojekt werden durch die kontrollierte Variation von Parametern dieses Transformationsprogramms Erkenntnisse zu Verbesserungsmöglichkeiten ermittelt. Das Experiment konzentriert sich dabei auf die nichtfinanziellen Aspekte des Programms.
Im ersten Teilprojekt wird mit ökonometrischen Methoden der Stromspar-Check (SSC) ausgewertet. Es handelt sich dabei um ein bundesweites Programm der Caritas und des Vereins der Energie-Agenturen Deutschland zur Unterstützung der Energieeffizienz. Dabei werden einkommensschwache Haushalte im Rahmen von Hausbesuchen zu Energieeinsparpotenzialen beraten. Über die Beratung hinaus bietet der SSC als wirksamstes Element des Programms die Möglichkeit zu einem subventionierten Austausch ineffizienter Kühlgeräte an. Der tatsächliche Ersatz des Geräts obliegt dem jeweiligen Haushalt, der gegen Vorlage von Entsorgungs- und Neukaufbeleg einen Gutschein erhält. Trotz des hohen Energieeinsparpotenzials blieb der Anteil der infrage kommenden Haushalte, die den Kühlgerätetausch letztendlich durchführten, mit ungefähr 25% bislang niedriger als erwartet. Während der Programmlaufzeit wurde die Ausgestaltung des Austauschprogramms mehrmals leicht abgeändert, z. B. im Hinblick auf die Fristigkeit oder den Wert des Gutscheins. Insbesondere diese Variation macht sich die Analyse des Datensatzes, der Informationen zu 400.000 Energieberatungen im Zeitraum 2009 bis 2020 umfasst, in einem Regression Discontinuity Design zunutze. So ist es quasi zufällig, ob ein Haushalt zeitlich direkt vor oder direkt nach einer Änderung der Programmgestaltung über die Teilnahme am Kühlgerätetausch entschieden hat. Neben zusätzlichen Kontrollvariablen werden zur Feststellung der Robustheit der Ergebnisse Variationen der Bandweite rund um den Zeitpunkt der Programmänderung sowie Placebo-Tests durchgeführt.
Im zweiten Teilprojekt geht es im Rahmen eines Feldexperiments um innovative Vorgehensweisen zur Optimierung des SSC und insbesondere um die Steigerung der Beteiligung am Kühlgerätetausch. Diese Vorgehensweisen zielen auf die kognitiven Ressourcen der angesprochenen Haushalte. In 21 (von 150) zufällig ausgewählten Standorten des SSC werden speziell auf einkommensschwache Haushalte ausgerichtete Erinnerungen in postalischer, elektronischer (per SMS) und haptischer (Kühlschrankanhänger) Form getestet. Darüber hinaus werden die Effekte eines unterschiedlichen Framings des Einsparpotenzials („Sie verlieren jährlich bis zu 40€“ vs. „Sie können bis zu 40€ einsparen“) sowie eine mehr auf die individuellen Verhältnisse eines Haushalts ausgerichtete Ansprache untersucht. Im Rahmen eines Fractional Factorial Designs werden verschiedene Interventionen je Haushalt kombiniert.
Prof. Kesternich und Prof. Goeschl erhoffen sich durch die Analyse des SSC-Transformationsprogramms und die Ergebnisse des Feldexperiments eine Verbesserung der Evidenzbasis zur wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskussion um Verteilungswirkungen energiepolitischer Maßnahmen und die Effektivität von Transformationsprogrammen.