Städte in Aufruhr: Religion, Polizei und imperiale Gewaltkontrolle in Belfast (1857-1935) und Jerusalem (1920-1948)
Im Rahmen des Projekts werden die Entwicklung britisch-imperialer Strategien zur Kontrolle urbaner Unruhen und die Generierung und Zirkulation von Wissen über urbane Gewalt von der Mitte des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts anhand zweier eng miteinander verflochtener Fallstudien zu Belfast und Jerusalem untersucht.
Dabei werden die britische Reaktion auf das Gewalthandeln der Stadtbewohner und -bewohnerinnen in den Fokus genommen und analysiert, wie imperiale Akteure und Akteurinnen urbane Gewalt kulturell deuteten, Ursachen und Formen diskutierten und dabei auch die Effektivität ihrer Maßnahmen der Gewaltkontrolle selbstkritisch bewerteten.
Im Mittelpunkt stehen Fragen nach den Instrumenten und Konsequenzen der Wissensproduktion über das Polizieren urbaner Gewalt: Welche stadtbezogenen Praktiken des Polizierens wurden entwickelt? Wie wurden repressive Maßnahmen wie Notstandsverordnungen und kollektive Bestrafungen legitimiert? Welche Rolle spielten dabei religiöse und rassifizierte Differenzierungen und Hierarchisierungen der lokalen Bevölkerung? Welche Schlüsselakteure beeinflussten die Strategien maßgeblich und welche Rolle spielte der Transfer von Personal und Praktiken von Irland nach Palästina? Welches Wissen über urbane Gewalt und Maßnahmen der Gewaltkontrolle wurde gesammelt und wie und in welcher Form zirkulierte dieses Wissen im Imperium? Welche Strategien der Gewaltkontrolle wurden als besonders effektiv herausgestellt? Wie wurde der Einsatz von besonders harten, paramilitärischen Maßnahmen legitimiert?
Es soll gezeigt werden, wie repressive Gewaltkontrolle in Städten zunehmend zu einem zentralen Modus der imperialen Governance avancierte und gleichzeitig Gegenstand intensiver imperialer Selbstreflektion war. Ziel ist es, einen neuen Blick auf die Praktiken des „Empires vor Ort“ zu richten, also auf die Formen des Polizierens von spezifisch urbanen Unruhen im Britischen Imperium.
Damit soll ein zentrales Forschungsdesiderat der neuen Imperiengeschichte geschlossen werden. Zugleich soll ein Beitrag zur geschichtswissenschaftlichen Gewalt- und Stadtforschung geleistet werden. Es wird dabei Religion als wichtiger Faktor imperialer Politik hervorgehoben werden, um zu untersuchen, wie protestantisch-evangelikale Vorstellungen, antikatholische Ressentiments und orientalistische Denkmuster die Bewertung lokaler Bevölkerungen und die Rechtfertigung gewaltsamer Maßnahmen prägten. Die Auswahl der beiden Untersuchungsfälle Belfast und Jerusalem begründet sich in der besonderen strategischen, politischen, aber auch symbolischen und religiösen Bedeutung Irlands und Palästinas unter den Territorien des Britischen Imperiums. Irland war die erste englische Kolonie und kann als Laboratorium für die Ausbildung von Methoden der Landnahme und Kolonisierung gesehen werden.