Social Functions of Language: Towards an Integrated Explanatory Framework
Ziel des Projekts ist es, den „Sozialen Funktionalismus“ (SFPL: Social Functionalism in the Philosophy of Language) als modernen sprachphilosophischen Ansatz zu untersuchen und in bestehende theoretische Diskurse einzuordnen.
„Funktionale Theorien“ finden sich in vielen Wissenschaften, u. a. in der Biologie, der Medizin, der Psychiatrie, den Sozial- und Kulturwissenschaften, der Wissenschaftstheorie und auch der Sprachphilosophie. Ihr gemeinsames Merkmal ist, dass sie Phänomene – seien es soziale Institutionen, kulturelle Praktiken, mentale Zustände oder natürliche Organismen – primär über den Beitrag, den sie zur Stabilität oder Funktion eines übergeordneten Systems leisten, interpretieren.
In der Biologie etwa untersucht der Funktionalismus, welchen Anpassungswert ein bestimmtes Merkmal oder Verhalten besitzt. Er basiert auf der Annahme, dass Merkmale durch selektive Prozesse entstanden sind, weil sie den reproduktiven Erfolg (Fitness) steigern und somit das Überleben der Art sichern.
In den Sozialwissenschaften lassen sich Ansätze des Funktionalismus etwa bei G. W. F. Hegel (dialektisch-organisch), H. Spencer (organismisch-evolutionär), É. Durkheim, R. K. Merton, T. Parsons und N. Luhmann (strukturfunktionalistisch-systemtheoretisch) finden. Der Funktionalismus in den Sozialwissenschaften betrachtet Gesellschaft als ein System aus zusammenwirkenden Institutionen, die soziale Ordnung durch Erfüllung spezifischer Funktionen sichern. Zentral ist die Frage, wie Strukturen (z. B. Familie, Bildung, Politik, Recht) zum Stabilitätserhalt beitragen.
Der „Soziale Funktionalismus“ in der Sprachtheorie betrachtet Sprache primär als ein Werkzeug, das soziale Funktionen erfüllt, soziale Beziehungen strukturiert
und Ordnung aufrechterhält. Im Gegensatz zu anderen Sprachtheorien, etwa zu formalistischen Ansätzen, die Sprache als abstraktes Regelsystem sehen (u. a. der „frühe“ L. Wittgenstein, B. Russell), oder repräsentationalistischen Konzepten, die davon ausgehen, dass Sprache primär dazu dient, Gedanken, Wissen oder die Außenwelt intern (mentale Repräsentation) oder extern (durch sprachliche Zeichen) abzubilden (u. a. N. Chomsky, G. Frege), betont der „Soziale Funktionalismus“, dass Sprachformen durch kommunikative Bedürfnisse geschaffen und gesteuert werden. Die Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks bemesse sich nicht primär nach dem Objekt, auf das er in der Welt verweist, sondern nach der praktischen Rolle (Funktion), die er innerhalb eines Systems erfüllt. Ansätze funktionaler Sprachphilosophie sind bei L. Wittgenstein, Vertretern der Sprechakttheorie (J. L. Austin; J. Searle), bei Linguisten (K. Bühler, Organon-Modell; M. Halliday, Systemisch-Funktionale Linguistik) und aktuell zum Beispiel bei D. Beaver und J. Stanley („The Politics of Language“, 2023) zu finden.
Folgende Arbeitsschritte werden unternommen:
Zunächst werden sprachphilosophische Ansätze des „Sozialen Funktionalismus“ rekonstruiert und ihre theoretischen Grundlagen detailliert beschrieben. In einem weiteren Schritt wird untersucht, welche Berührungspunkte zu funktionalistischen Theorien in anderen Wissenschaften (Kultur- und Sozialwissenschaften; Kommunikationstheorie und Sozialpsychologie, Philosophie und Wissenschaftstheorie, Biologie, Medizin und Psychiatrie) bestehen. Schließlich soll eine Theorie des „Sozialen Funktionalismus“ als modernem sprachphilosophischen Ansatz entworfen werden, der funktionalistische Konzepte aus anderen Wissenschaften integriert.