Schreiben des Wortlosen. Die Texte der Pantomime um 1900
Die Jahrhundertwende um 1900 ist in der deutschsprachigen Literatur und Kultur geprägt von Umbrüchen und Krisen, die neue Darstellungsformen hervorbringen und die Veränderungen der Sprachauffassung sowie das Aufkommen neuer Medien diskutieren.
Eine dieser Darstellungsformen ist die Pantomime, die um 1900 nicht nur in Theatern, Varietés, im Film und in medientheoretischen Reflexionen präsent ist, sondern auch durch zahlreiche und vielfältige Texte überliefert wird. Zudem ist es aber auch die Multimedialität der Pantomime, die sich mit zentralen Diskursen um 1900 verknüpft: Die Wortlosigkeit der Pantomime ist vielleicht die entschlossenste Konsequenz der Sprachkrise und der konsequenteste Versuch, jenseits von Worten körperlichen Ausdruck für das zu finden, was vermeintlich nicht sprachlich repräsentiert werden kann. Die Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten ist so gleichermaßen auf die Ich-Krise sowie auf das wachsende Interesse an psychologischen Vorgängen zurückzuführen und die Ausrichtung der Pantomime auf das Visuelle reflektiere wahrnehmungstheoretische Untersuchungen.
Dem Befund eines reichen Pantomime-Diskurses um 1900 steht ein Mangel an literatur- und kulturwissenschaftlichen Untersuchungen gegenüber. Vor allem im Bereich der deutschen Literaturwissenschaft sind Texte der Pantomime bisher nur marginal analysiert worden. Dabei kommentieren die Texte zentrale Diskurse um 1900 und sind für diese wegweisend: Im Zuge der Kulturkrise werden sowohl Körper als auch Sprache und deren Verknüpfung neu gedacht; die Texte der Pantomime sind genau an dieser Schnittstelle zu situieren. Fragen nach der Darstellbarkeit des Psychischen sowie nach dem Wissen des Körpers sind hier ebenso zentral wie die Frage nach der Performanz und Theatralität der Verschriftlichung dessen, was keine Worte hat.
Die Bedeutung dieser Texte zur Pantomime für literatur- und medientheoretische Diskurse um 1900 wird daher in diesem Projekt diskutiert; die Analyse dieser Texte steht dabei im Zentrum. Was die Pantomime jedoch zudem auszeichnet, ist, dass sie sich in diversen Künsten und Medien etabliert und so die intermediale Analyse ihrer Darstellung herausfordert. Aus diesem Grund sind neben den Texten der Pantomime auch Filme sowie Aufzeichnungen, Berichte und Fotographien von Theateraufführungen Gegenstand der Untersuchung. Gegenstand der Untersuchung ist ein umfassendes und heterogenes (d. h. Prosatexte, Partituren, Filme, Kinostücke) Korpus, das sowohl erst kürzlich entdeckte Texte beinhaltet als auch der Bedeutung weiblicher Autorschaft und weiblichen Künstlertums Rechnung trägt.
Dafür situiert Dr. Tolksdorf die Texte der Pantomime in ihren zentralen Diskursen und analysiert sie hinsichtlich ihrer Darstellung an der Schnittstelle von Sprache, Körper und Bewegung. Zentrale Fragen sind: Wie lässt sich die vermeintlich stumme Pantomime schreiben? Was kann die Pantomime, die ihrer Wortbedeutung nach „alles nachahmt“, für die Analyse mimetischer Strategien von Texten leisten? Welche Verbindungen stiftet sie zwischen Medien? Inwiefern unterläuft die Pantomime kategorische Unterscheidungen zwischen ihren Medien?
Schließlich wird ausgehend von der historischen, kulturellen und diskursiven Situierung ebenso die Relevanz der Pantomime für literaturwissenschaftliche und medientheoretische Reflexionen untersucht – dies auch mit dem Ziel, die bisher disparat in einzelnen Disziplinen und unzureichend untersuchten Aspekte der Pantomime in eine Beziehung zu setzen, um eine Reflexion über ihre Medien und Darstellungsverfahren anzustoßen.