Förderung Geförderte Vorhaben Sammeln in der Stadt um 1600. Die Kunst- und Wunderkammer des Medicus Laurentius Hoffmann im Kontext der europäischen Sammlungs- und Wissenskulturen

Sammeln in der Stadt um 1600. Die Kunst- und Wunderkammer des Medicus Laurentius Hoffmann im Kontext der europäischen Sammlungs- und Wissenskulturen

Gegenstand der Studie ist die Kunst- und Wunderkammer des Hallenser Medicus Laurentius Hoffmann (1582-1630), die sich aller Wahrscheinlichkeit nach im Wohnhaus der Familie in der Ulrichstraße, womöglich aber auch in der Beletage der familieneigenen Apotheke am Halleschen Marktplatz befunden hat.

Die Sammlung dürfte bald nach Hoffmanns Tod verkauft worden sein, ganz so wie er es in seinem Testament verfügt hatte. Da es keine Reise- oder Augenzeugenberichte über die Sammlung gibt, bildet der 120 Seiten umfassende Katalog (1625), der sich mit seinen programmatischen Vorreden explizit an die Öffentlichkeit wendet, den Aus­gangspunkt der Untersuchung. Im Gegensatz zu den sonst üblicherweise handschriftlich verfassten Inventa­ren, handelt es sich dabei um den ersten gedruckten Katalog einer vollständig ausgebildeten Kunst- und Wunderkammer in der europäischen Kulturgeschichte.

Unter dem Titel „Thaumatophylakion, sive Thesaurus Variarum Rerum Antiqiuarum Et Exoticarum: tam natu­ralium quam artificialium [...]“ rubriziert der Katalog in 30 Ordnungskategorien rund 3000 Objekte und Sub­stanzen aus den Bereichen Natur und Kunst. Vor diesem Hintergrund wird der bekennende Lutheraner Laurentius Hoffmann, der ab 1626 in Dresden als Leibarzt des Kur­fürsten Johann Georg I. von Sachsen (1585-1656) tätig war und 1630 zum Kaiserlichen Hofpfalzgrafen ernannt wurde, als „un’ altro Paludano“ stilisiert und dadurch mit jenem niederländischen Arzt Bernhard Paludanus (1550-1633) auf eine Stufe gestellt, der mit seiner naturhistori­schen Sammlung europaweit bekannt war. Im Gegen­satz zu anderen Spezialsammlungen von Gelehrten und Medizinern sammelte Laurentius Hoffman jedoch nicht nur Pflanzen- und Tierpräparate sowie Mineralien und Chemikalien, sondern auch Preziosen, Skulpturen, Bilder, Kunst­bücher, Druckgraphiken, Waffen, Münzen und Scienti­fica. Unter den 100 Gemälden und Handzeichnungen sollen sich Arbeiten von Albrecht Dürer, Lucas Cranach d. Ä./d. J. und sogar „ein schoenes Gemaelde“ von „Michaelis Angeli“ befunden haben. Die Sammlung ist als Kunst- und Wunderkammer zu verstehen, die als repräsentativer Ort der Wissensgenese und der Kunst­liebhaberei fungierte, wobei sie dem Umfang und der Bedeutung nach den gut untersuchten stadtbürgerlichen Sammlungen in Nürnberg, Augsburg oder Basel eben­bürtig zur Seite gestellt werden kann.

Während die Forschung bislang von einer Konzentration der frühen Sammlungen im deutschsprachigen Raum in Süddeutschland ausging, eröffnet die umfang­reiche Naturalien- und Kunstsammlung im damaligen Sachsen – nicht zuletzt auch im Vergleich zur kurfürst­lichen Kunstkammer in Dresden (errichtet ab 1572) – neue Perspektiven für die Forschung.

Als noch nahezu unbekanntes, jedoch paradigmatisches Fallbeispiel einer Privatsammlung im städtischen Raum, wird die Sammlung für eine grundsätzliche Neugewich­tung des Sammelns in der Stadt um 1600 in der frühes­ten Phase der europäischen Sammelbewegung herangezogen und ihre kunst-, kultur- und wissen­schaftshistorische Bedeutung in internationaler Perspek­tive beleuchtet.

Ausgehend von dem gedruckten Katalog von 1625, archivalischen Quellen, dem Schrifttum Hoffmanns und seiner Vorfahren – Wolff Holwirth (1522–1580), Balthasar Brunner (1540–1610), Lorenz Hoffmann d. Ä. (?) – rekonstruiert Dr. Wagner die Netzwerke mit ihren Ankerpunkten an europäischen Universitäten (Basel, Padua, Bologna, Paris), städtischen Liebhaberzirkeln und verschiedenen höfischen Kreisen und zeigt, in welch hohem Maß die untersuchten stadt­bürgerlichen Akteure an der Etablierung der frühen Kunst- und Wunderkammern als innovative Wissens-, Sammlungs- und Repräsentationsform der Frühen Neu­zeit beteiligt waren und diese aus der Position einfluss­reicher Stellungen am Hof rezipiert und propagiert haben. Mit der Untersuchung wird die barocke Residenz- und Bürgerstadt Halle als innovativer Ort der frühneu­zeitlichen Museumspraxis vor 1650 und ebenso als Ort der kulturellen Toleranz im globalen Gefüge rekonstru­iert.

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