Funding Funded Projects Revisiting the roots of International Relations Theory: Jacques Novicow (1849–1912) on anarchy, war and pandemics

Revisiting the roots of International Relations Theory: Jacques Novicow (1849–1912) on anarchy, war and pandemics

Sowohl der menschengemachte Klimawandel als auch die aktuelle Corona-Pandemie verdeutlichen, dass die existentiellen Krisen der Menschheit von keinem Land allein gelöst werden können. Dennoch hat sich, insbesondere in westlichen Ländern, eine Globalisierungsmüdigkeit breit gemacht, die insbesondere von nationalistischen politischen Kräften befeuert wird. Dies macht es notwendig, intensiver über die intellektuellen Grundlagen einer multilateralen Weltordnung nachzudenken.

Prof. Steffek beschäftigt sich deshalb mit ei­nem Pionier sozialwissenschaftlicher Ansätze in den In­ternationalen Beziehungen, dessen Werke in Vergessenheit geraten sind. Jacques Novicow (1849-1912) war ein russischer Soziologe und Friedensaktivist, der erstmals theoriegeleitete Erwartungen in das Studi­um der Internationalen Beziehungen einführte. Er ging, wie viele seiner Zeitgenossen im 19. Jahrhundert, von einem Kampf der Völker im darwinistischen Sinne aus. Allerdings sah er in kriegerischen Auseinandersetzungen einen Anachronismus. Er ging davon aus, dass ein Kampf der Völker primär einen ökonomischen und intel­lektuellen Wettbewerb darstelle, von dem die gesamte Menschheit profitieren könne. Dieser Ansatz machte ihn sowohl zu einem liberalen als auch zu einem idealistisch-pazifistischen Vordenker.

Laut Prof. Steffek gibt es verschiedene Gründe, warum Novicow nach seinem Tod in Vergessenheit geriet. Ers­tens wurden die ökonomisch-liberalen Thesen des aus Odessa stammenden Novicow in der späteren Sowjet­union aus ideologischen Gründen abgelehnt. Zweitens publizierte Novicow häufig auf Französisch, was auch seinen langjährigen Aufenthalten in Paris geschuldet war. Französisch wurde als dominierende Wissenschafts­sprache nach dem Ersten Weltkrieg allerdings schnell vom Englischen abgelöst. Drittens waren spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg seine Analogien zur Biologie in den Internationalen Beziehungen nicht mehr salon­fähig. Viertens wurde auch sein idealistischer Pazifismus zu Zeiten des Kalten Kriegs durch realistische bezie­hungsweise neo-realistische Annahmen ersetzt.

Prof. Steffek verfolgt nun zwei Ziele: Ers­tens entsteht ein intellektuelles Portrait vom Denken Jacques Novicows in Form einer Monographie. Prof. Steffek möchte damit folgende Forschungsfragen be­antworten: In welchem historischen Kontext hat er seine Schriften veröffentlicht? In welche transnationalen Netz­werke war er eingebunden? Dazu soll erstmals eine systematische Übersicht aller wissen­schaftlichen Veröffentlichungen von Novicow erstellt werden. Zweitens wird sein Beitrag zur Fortentwicklung der Theo­rie der Internationalen Beziehungen kritisch gewürdigt. Bisher gibt es nur sehr wenige wissenschaftli­che Beiträge, die aufzeigen, an welchen Stellen Novicow andere Vordenker der Internationalen Beziehungen be­einflusst hat.

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