Rechtssprache und Alltagssinn. Perspektivendifferenzen des Sexualstrafrechts
Ziel des Projekts ist ein soziologisch-juristischer Abgleich im Bereich des Sexualstrafrechts zwischen der juristischen Fachlogik und alltagsweltlichen Vorstellungen von Recht und Rechtsprechung.
Im Zentrum stehen dabei Bedeutungswidersprüche. Sie sind besonders relevant, weil das Recht seine ordnende Funktion nur erfüllen kann, wenn es im Alltag verstanden wird. Bei zu starken Divergenzen zwischen Fach- und Alltagsdiskurs droht die Erosion der Akzeptanz und damit die Delegitimierung des Rechtsstaats. Das Sexualstrafrecht als „soziologischstes“ aller Rechtsgebiete haben Dr. Linoh und Dr. Wettmann ausgewählt, weil dort gesellschaftliche Moralvorstellungen, mediale Diskurse und gerichtliche Urteile häufig kollidieren. Ein weiterer Aspekt, den das Projetteam untersucht, ist die Verlagerung des Alltagsdiskurses in den digitalen Raum, wo sich alternative Verständnisse von Gerechtigkeit herausbilden, während gleichzeitig neue technologische Entwicklungen sexuelle Interaktionen ermöglichen.
Ziel ist es, die Wechselwirkungen und Interaktionen zwischen der Wahrnehmung des Sexualstrafrechts in der Alltagssphäre und dem Recht zu erkunden. Das Projekt ist in ein juristisch-normatives und soziologisch-empirisches Teilprojekt aufgespalten.
Im juristisch-normativen Teilprojekt werden zunächst eine Analyse der Begriffsverwendung im Sexualstrafrecht anhand zentraler Begriffe geleistet und deren Auslegung kritisch geprüft. Daran schließt sich die Frage nach den Folgen von Perspektivendifferenzen, besonders für die hergebrachte Unterscheidung zwischen normativen und deskriptiven Tatbestandsmerkmalen sowie für Irrtumsfragen, die Rolle und Durchführung von Strafverfahren und die juristische Methodenlehre an.
Im soziologisch-empirischen Teilprojekt werden mittels Online-Ethnographie und Interviews mit Betroffenen die (digitalen) Debatten sowie moralische Aushandlungen von Legitimität und Illegitimität, Recht und Unrecht sowie Vertrauen und Misstrauen ergründet.