Produktivität und Kreativität in der Lexik des Ostfränkischen
Im Rahmen des Projekts untersuchen Dr. Ganslmayer, Prof. Haider Munske und Prof. Müller an der Schnittstelle von Variationslinguistik, Dialektologie und Lexikologie mit den Teilbereichen Wortbildungsforschung und Semantik die standardsprachliche Akkommodation eines Dialekts und damit seinen Wandel zu einem Regiolekt.
Diese Untersuchung erachten sie als notwendig, da ein Vergleich jüngerer Dialekterhebungen mit den Daten des „Sprachatlas des Deutschen Reiches“ vom Ende des 19. Jahrhunderts zeigt, dass die Dialekte in doppelter Hinsicht gefährdet sind. Dabei geht es bei diesem Projekt nicht um den rapiden Rückgang ihres Gebrauchs oder den Wandel lokaler Dialekte zu Regionalsprachen, in denen wesentliche lautliche und morphologische Merkmale der Dialekte getilgt sind, sondern um den bislang vernachlässigten wesentlichen Zug der Dialekte und Regiolekte, nämlich das kreative Potential der Sprachverwender, den eigenen Wortschatz weiterzuentwickeln und den aktuellen kommunikativen Bedürfnissen anzupassen.
Diese Weiterentwicklung und Anpassung geschieht auf dreierlei Weise – durch Wortbildung, Bedeutungsbildung und Entlehnung – und diese Aspekte betreffen kognitive Strategien, die sowohl standardsprachlich schriftlich als auch dialektal mündlich zur Wortschatzerweiterung verwendet werden. Dabei entstehen bei Wortbildungsprozessen (vor allem Komposition, Derivation und Konversion) neue Wortbildungen auf der Basis vorhandener Sprachbausteine und durch die Anwendung produktiver Wortbildungsregeln. Dagegen führt die Bedeutungsbildung nicht zu Neuwörtern, sondern zu einer semantischen Umprägung bzw. Erweiterung (Polysemierung) bereits vorhandener Lexeme durch systematische bedeutungsbildende Verfahren wie Metonymisierung und Metaphorisierung. Bei der Entlehnung wird eine lexikalische Einheit aus einer anderen Sprache oder Sprachvarietät übernommen und gegebenenfalls lautlich adaptiert.
Als Dialektlandschaft wird exemplarisch das Ostfränkische untersucht. Dazu wird erstmals die neue Datenbank des „Fränkischen Wörterbuchs“ (WBF) genutzt, das diesen Dialektraum derzeit für die Jahre 1960-63, 1975-79 und 2000-2002 abdeckt. Um auch Wortbildungsprozesse angemessen bewerten zu können, wird diese Datenbasis durch ein aktuelles Dialektkorpus punktuell ergänzt. Hierzu werden sowohl in ostfränkischen Regionen direkte Befragungen von Dialektsprechern durchgeführt als auch exemplarische Dialektliteratur ausgewertet.
Ziel ist die Darstellung der lexikalischen Produktivität und Kreativität am Beispiel des Ostfränkischen und die Erarbeitung der Regularitäten dialektaler Wortbildung, Bedeutungsbildung und Entlehnung, um die lexikalische Eigenständigkeit und aktuelle Entwicklungstendenzen einer Dialektlandschaft zu erweisen.