Not Like Them: Negational Identities and the Crisis of Political Cohesion
Der soziale und politische Zusammenhalt erodiert in etablierten Demokratien zunehmend. Bürger misstrauen zunehmend Menschen mit divergierenden politischen Einstellungen und stellen die Legitimität demokratischer Institutionen infrage.
Während Polarisierung und das Aufkommen von Identitätspolitik in der Forschung als Ursachen identifiziert worden sind, bleibt es eine offene Frage, warum manche Gruppenidentitäten dem gesellschaftlichen Zusammenhalt besonders schaden und warum politische Konflikte der jüngeren Vergangenheit besonders von Identitäten der Ablehnung, nicht der positiven Identifikation, geprägt sind.
Hier setzt das Projektteam an und widmet sich den sogenannten negativistischen Identitäten (Negational group identities, NGIs). Diese NGIs beschreiben die Identifizierung miteinander über die Ablehnung eines Dritten bzw. einer bestimmten Bewegung oder politischer Ziele, (z. B. nicht „woke“, nicht urban). Im Gegensatz zu positiven Gruppenidentitäten (affirmative group identities, AGIs) sind die Auswirkungen von NGIs erstens bisher in der Forschung kaum berücksichtigt und zweitens erwartbar negativer für den Zusammenhalt in Gesellschaften, da ihre Abhängigkeit von dauerhafter Opposition Demokratien destabilisieren kann. Ziel des Projekts ist es, psychologische Muster, die Rolle von Emotionen sowie die Auswirkungen von NGIs auf den sozialen Zusammenhalt zu untersuchen.
Hierzu werden folgende Forschungsfragen formuliert: Welche psychologischen Profile weisen Individuen auf, die anfällig dafür sind, sich eher über Ablehnung als positiv zu identifizieren? Welche Rolle spielen Emotionen und affektive Aspekte in der Schaffung und Aufrechterhaltung von NGIs? Wie unterscheiden sich unterschiedliche NGIs (parteipolitisch, themenbasiert, örtlich, generationell) in ihrer Kapazität, den Zusammenhalt zwischen Bürgern untereinander und zwischen Bürgern und demokratischen Institutionen zu untergraben?
Theoretisch werden drei unterschiedliche Perspektiven verbunden: Forschung zu gruppenbasierten Identitäten, politischem Zusammenhalt und Erklärungsansätze der sozialen und politischen Psychologie. Dabei liegt der Schwerpunkt auf dem relativ unbekannten Konzept der NGIs. Das Projektteam setzt es sich zum Ziel, eine umfassende Konzeptualisierung verschiedener NGI zu leisten, basierend vor allem auf „Social Identity“ und „Self-categorization“ Theorien. NGIs werden als Heuristiken verstanden, die Menschen nutzen, um die Komplexität moderner Gesellschaften zu bewältigen.
Auf der Basis einer theoretischen Unterscheidung zwischen parteipolitischer, themenbasierter, geographischer und generationeller negativistischer Identifikation werden unterschiedlich starke Effekte auf den sozialen Zusammenhalt erwartet.