Nach Moskau. Deutsche Emigranten im sowjetischen Exil und im Kulturbetrieb der DDR
Ziel des Projekts ist es, einen neuen Blick auf die (Kultur)Geschichte der DDR zu werfen, zumal das sowjetisch-stalinistische „Erbe“ in der DDR selbst – besonders nach Stalins Tod 1953 – verdrängt und kaschiert wurde.
Die Erfahrung des Stalinismus prägte das Handeln, Denken und künstlerische Wirken von Kommunisten in der DDR, die die Exilzeit in der Sowjetunion verbracht hatten. Zu dieser Kernthese führt die Beobachtung einer Gruppe leitender Kader, die nach ihrer Rückkehr aus Moskau das kulturelle Leben in der SBZ/DDR wesentlich bestimmten. Untersucht werden die Emigration deutscher „Kulturarbeiter“ in die UdSSR, ihre Existenzweisen und -bedingungen im Exil, die anschließende Lebens- und Schaffensphase im östlichen Nachkriegsdeutschland sowie die normative Wirkung der sowjetischen „Leitkultur“ als subjektiv wie gesellschaftlich einflussreicher Faktor in der DDR.
Stalinismus wird als Zugriff auf alle Lebensbereiche der Gesellschaft wie des Einzelnen verstanden, somit als ein Herrschafts- und Terrorsystem ebenso wie als Alltagsphänomen. Das analytische Spektrum, das sich dadurch eröffnet, ist extrem breit: Es umfasst den politischen Apparat (KPD, Komintern; SED) und dessen Regeln und Strukturen, die Praxis der Überwachung und Disziplinierung durch Geheimdienst, Institutionen und Verbände, kulturpolitische Kampagnen zur Durchsetzung ästhetisch-ideologischer Konzepte sowie spezifische Konventionen und Kommunikationspraktiken. Diese Themen werden im Rahmen des Projekts biographisch konkret untersucht.
Zugrunde gelegt wird ein offenes Sample von Schriftstellern, Journalisten, Theaterleuten und Kulturfunktionären. Die Auswahl von ca. 15 Personen umfasst „Prominente“ ebenso wie weniger populäre Protagonisten von funktionaler Bedeutung, u. a. den KPD-Funktionär Anton Ackermann, der von 1954 bis 1958 die Hauptverwaltung Film im Ministerium für Kultur leitete, den Schauspieler und Regisseur Hans Rodenberg, der nach der Rückkehr in die SBZ/DDR bei der DEFA und der Hochschule für Filmkunst die kulturpolitische Ausrichtung bestimmte, sowie den langjährigen Chefredakteur der Zeitschriften „Theater der Zeit“ und „Theaterdienst“, Fritz Erpenbeck, der sich in der „Expressionismusdebatte“ und im „Formalismusstreit“ besonders hervortat. Sie teilten im Wesentlichen dieselbe Generationserfahrung (Sozialisation im späten Kaiserreich, Politisierung durch Krieg, Revolution, Weimar, NS-Zeit, KPD-Eintritt), sahen sich im sowjetischen Exil ähnlichen Einflüssen und Irritationen ausgesetzt (Fremdheit, Fremdbestimmtheit, Gefährdung, politische Schocks wie den Hitler-Stalin-Pakt) und hatten später einflussreiche Leitungs- oder Repräsentationsfunktionen im kulturellen Leben der DDR inne. Dieser Personenkreis mit seinen scheinbar bruchlosen Karrieren wird hier erstmals in den Blick genommen und im Hinblick auf seine Rolle bei der Modellierung der ostdeutschen Kulturpolitik nach sowjetischen Vorgaben und Mustern untersucht. Dabei geht es um die öffentliche Rolle der Emigranten bzw. Remigranten vor dem Hintergrund der doppelten historischen Situation der Sowjetunion der 1930er-/frühen 1940er-Jahre bzw. der SBZ/DDR, aber auch um die persönlichen Reaktionsweisen. In welchem Maß wurden in der Exilzeit bestimmte Denk- und Verhaltensmuster (etwa Anpassung und Angst, ein manichäisches Weltbild, Kategorisierung in Freund und Feind, Kritiktabus) internalisiert und wie wirkten sie sich auf das Handeln aus? Welche Folgen hatte dies wiederum für das (kultur)politische Leben in der DDR? Neben diesen Elementen, die für Kontinuität sorgten, werden auch neue Faktoren in Betracht gezogen: Die Emigranten mussten sich auf weitere Akteure im neuen System einlassen, z. B. auf die Westemigranten und auf ehemalige KZ-Häftlinge. Wesentliche Koordinaten wurden zudem durch die Situation des Kalten Krieges und die sich daraus ergebende Gegnerschaft zum „imperialistischen Westen“ bestimmt.
Das Vorhaben schließt an Untersuchungen zur Bundesrepublik an, die das Weiterwirken und den Einfluss alter Eliten und Strukturen bis in die 1960er-Jahre nachgewiesen haben. Zugleich soll eine Lücke geschlossen werden, die aktuelle Studien zu Nationalsozialisten in Bildung und Wissenschaft bzw. zu Westemigranten in der DDR offen lassen, nämlich die stalinistische Prägung und Praxis vor und nach 1945, die hier erstmals systematisch aufgearbeitet wird. Damit wollen Prof. Garstka und Prof. Faulenbach einen neuen Blick auf die (Kultur)Geschichte der DDR gewinnen, zumal das sowjetisch-stalinistische „Erbe“ in der DDR selbst – besonders nach Stalins Tod 1953 – verdrängt und kaschiert wurde.