Massengräber des Holocaust
Das Forschungsprojekt ist den nationalsozialis¬tischen Verbrechen im heutigen südöstlichen Polen sowie der lokalen Erinnerung daran gewidmet.
Nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen am 1. September 1939 wurden einige Gebiete an das Deutsche Reich angeschlossen. Eine Region hingegen erhielt als sogenanntes Generalgouvernement Besatzungsstatus und wurde in die Distrikte Krakau, Radom, Warschau und Lublin gegliedert. Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion kam die Region um Lemberg als Distrikt Galizien hinzu. Die Nationalsozialisten verfolgten das Ziel, die gesamte jüdische Bevölkerung des Generalgouvernements zu ermorden. Im Rahmen der so genannten „Aktion Reinhardt“ wurden zu diesem Zweck die Vernichtungslager in Belzec, Sobibor und Treblinka eingerichtet, in denen mindestens 1,6 Millionen Menschen umkamen. Ein erheblicher Teil der polnischen Jüdinnen und Juden wurde nicht in die Lager deportiert, sondern wurde von den Deutschen und ihren Helfern in der Nähe ihrer Wohnorte erschossen. Dabei handelt es sich um hunderte von Fällen; die Tatorte liegen über die gesamte Region verstreut.
Während die Massenerschießungen der Einsatzgruppen in der besetzten Sowjetunion zunehmend Aufmerksamkeit der Forschung erhalten, ist die Untersuchung der Massengräber auf dem Gebiet des Generalgouvernements bisher vernachlässigt worden. Mit dem Projekt soll dazu beigetragen werden, diese Lücke zu schließen.
Im Rahmen des Projekts werden zwei Ziele verfolgt: die Erstellung einer frei verfügbaren Datenbank sowie die Entwicklung eines Forschungsdesigns. In der Datenbank werden alle bekannten Orte von Massenerschießungen und Massengräbern erfasst. Die Datenbank bildet die Grundlage für ein Webportal mit einer interaktiven Landkarte, auf der die Orte mit grundlegenden Informationen zur Geschichte, Nachgeschichte und dem heutigen Zustand verknüpft sind.
Für die Entwicklung des Forschungsdesigns werden zu etwa zehn ausgewählten Orten mikroräumliche Studien erarbeitet, in denen sowohl die Geschichte der Mordtaten als auch die Geschichte der Massengräber seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs untersucht werden. Im Zuge dessen werden Methodologien, Workflows sowie best practices für eine interdisziplinäre und digitale Erforschung von Massengräbern des Holocaust erprobt. Dieses Forschungsdesign soll für zukünftige Forschungen zu anderen Regionen (in Ost- und Ostmitteleuropa) nutzbar gemacht werden.
Mit den Fallstudien werden folgende Fragen adressiert: Wann und warum entschieden die Deutschen, die lokale jüdische Bevölkerung vor Ort zu erschießen, anstatt sie in die Vernichtungslager zu deportieren? Nach welchen Kriterien wurden die Orte der Erschießungen ausgewählt? Wie lief der Massenmord konkret ab? Was passierte mit den Gräbern im Anschluss und was passierte in den nun mehr acht Jahrzehnten nach Kriegsende? In welcher Beziehung stehen die Orte der Massenerschießungen zu den Orten, an denen sich die Massengräber befinden, und zu Standorten der Denkmäler? Wann – und von wem – wurden Denkmäler errichtet? Wie veränderten die Gräber die Landschaft, Flora und Fauna der Orte, aber auch die Verhaltensweisen und die kollektive Erinnerung der lokalen Bevölkerung?
Das Projekt wurde vom Deutschen Historischen Institut Warschau (DHI) initiiert. In Kooperation mit den Universitäten Warschau und Łódź sowie dem Spatial History Lab des Instituts für Geschichte der Polnischen Akademie der Wissenschaften wurde ein Team an Forscherinnen und Forschern aus unterschiedlichen Disziplinen (u. a. Geschichte, Soziologie, Archäologie, Kulturwissenschaften, Geowissenschaften, Dendrologie, Kartographie und Digital Humanities) zusammengestellt, um die Geschichte und Nachgeschichte der Massengräber in der Region zu erforschen. Unterstützung erhält das Projekt auch von den US National Archives und dem Militärischen Zentralarchiv in Warschau, die Luftaufnahmen zur Verfügung stellen.
Im Rahmen des Projekts wird auch mit Institutionen vor Ort kooperiert, u. a. mit der Stiftung ZAPOMNIANE, die bisher 62 „burial sites“ in Polen identifiziert hat und aktuell Recherchen an 157 Orten durchführt und mit der von Patrick Desbois gegründeten Organisation „Yahad – In Unum“, die seit über zehn Jahren Zeugnisse der Massenerschießungen vor allem auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion sammelt.