Lexikon der regionalen Literaturgeschichte des Mittelalters: Tschechien
Lexikon zur mittelalterlichen deutschen Literatur im heutigen Tschechien von den Anfängen bis zum Ende der Jagiellonenherrschaft, als Teil des ca. 15-bändigen „Lexikons der regionalen Literaturgeschichte des deutschen Mittelalters" (LLM).
Bei dem LLM handelt es sich um ein Lexikon, das nach Ortschaften gegliedert literarische Räume beschreibt. Erfasst werden Höfe, Städte, Kirchen, Klöster, Schulen, Bibliotheken und weitere Institutionen, an denen Literatur entstand, verbreitet und rezipiert wurde oder wirkte, und regional lokalisierbare bedeutungsvolle Ereignisse, die als Schreibanlässe für Literatur dienten, z. B. Schlachten oder Fürstenhochzeiten.
Der Fokus liegt auf der deutschsprachigen Literatur, allerdings wird auch lateinische Literatur berücksichtigt, sofern sie von deutschsprachiger Literatur geprägt ist, z. B. lateinische Briefe deutscher Humanisten in Prag oder lateinische Texte tschechischer Autoren, die sie nach ihrer Rückkehr vom Studium in Wien oder Leipzig verfasst haben.
Das Lexikon zeichnet nach, wie die „deutsche“ Literatur und Kultur von Ort zu Ort in je unterschiedlichem Maße und Tempo in eine Wechselwirkung zur tschechischen wie auch zur internationalen lateinischen Kultur trat, wie sich die Kulturen gegenseitig durchdrangen und wie bis zu den Anfängen der Frühen Neuzeit die Grundlegung einer gesamteuropäischen Kultur in Mitteleuropa erfolgte.
Nicht zuletzt wegen der breit intendierten Leserschaft werden die Artikel von Vertretern verschiedener Fachrichtungen verfasst – z. B. die zentralen Texte der deutschen Literatur aus Tschechien von Germanisten, die Geschichte vieler Institutionen von Fachleuten aus den Bereichen klassische Philologie, Geschichte, Kunstgeschichte, Kodikologie oder Bibliothekswissenschaft.
Methodisch wird das Lexikon bereits vorhandenes Forschungswissen über die mittelalterliche literarische Kultur Mitteleuropas anhand ihrer Zuordnung zu konkreten geographischen Orten und den vor Ort befindlichen Institutionen und Personen bündeln und vermehren. Der zeitliche Rahmen ist dabei von den Anfängen deutschen Schrifttums in Tschechien bis 1520/26 festgelegt. Aus pragmatischen Gründen orientiert sich die räumliche Grenze an den aktuellen Grenzen Tschechiens.
Ziel ist es letztlich, Räume und Institutionen deutscher Kultur und des multikulturellen Kulturkontakts im heutigen Tschechien, das ein historisch sehr differentes Gebilde darstellt, systematischer und vollständiger zu erfassen, als es bisher geschehen ist. Dabei wird weder eine historische kulturelle Einheit oder Abgeschlossenheit, noch eine Zugehörigkeit zum deutschsprachigen Raum behauptet. Vielmehr geht es darum, die verschiedenartigen Regionen mit ihrer jeweiligen Geschichte und die enge Verknüpfung der einzelnen mitteleuropäischen Kulturen untereinander sichtbar zu machen. In diesem Sinne versteht sich das Lexikon nicht nur als ein Nachschlagewerk für Mittelalter-Spezialisten oder für Literatur- und Sprachhistoriker, sondern besitzt auch hohe Relevanz für den nach wie vor sensiblen Umgang mit dem „deutschen Erbe“ im heutigen Tschechien und für die Fragen nach der „Einheit“ Europas und der Multikulturalität durch Zuwanderung.