Kausalität bei Hegel
In Hegels Denken hat Kausalität stets eine zentrale Rolle gespielt. Von der frühen „Dissertatio“ (1801) über die „Wissenschaft der Logik“ (1812-1816) bis hin zur späten „Enzyklopädie“ (1817) tritt der Kausalitätsbegriff immer dann in den Vordergrund, wenn die objektive Geltung der Naturwissenschaft oder die Konzeption einer substantiellen Realität diskutiert wird. Trotz dieser zentralen Rolle wurde Hegels Kausalitätsbegriff bislang wenig erörtert.
Dr. Lyssys Anliegen ist es, mit diesem Forschungsvorhaben Hegels Kausalitätsbegriff zu rekonstruieren und in seinem historischen Kontext verständlich, in seinen Geltungsansprüchen transparent und zudem systematisch für zeitgenössische Debatten, für die Historiographie des Kausalitätsbegriffes sowie für die Hegelforschung anschlussfähig zu machen. Dies geschieht in vier Teilen.
Im ersten Teil wird die Problemlage, auf die Hegel antwortet, rekonstruiert. Die philosophischen Ansätze sowohl der Empiristen als auch der Rationalisten hält Hegel für gescheitert, auch Kants bahnbrechende Neuinterpretation des Kausalitätsbegriffes als reinen Verstandesbegriff geht ihm nicht weit genug, da sie immer noch dem Skeptizismus eine Angriffsfläche bereitstellt. Zudem legt Hegel ein subtiles Problembewusstsein an den Tag, dass die zunehmende Fragmentierung der Wissenschaften die Annahme einer objektiven Geltung derselben mit der Annahme einer Einheit der Natur selbst inkompatibel macht.
Der zweite Teil ist vor allem Hegels eigener Neuinterpretation des Kausalitätsbegriffes in der „Wesenslogik“, die er im zweiten Teil der „Wissenschaft der Logik“ behandelt, gewidmet. Hier werden aristotelische und leibnizsche Grundbegriffe gegen Kants Kategorienlehre stark gemacht. Ein umfassendes Verständnis von Kausalität ist nur dann möglich, wenn der Begriff derselben einerseits substantielle Geltung beanspruchen kann, aber andererseits auch im Kontext einer Theorie der Kausalerklärungen mit konkretem materiellem Gehalt gefüllt werden kann.
Im dritten Teil wird diese Theorie der Kausalrelationen, die Hegel in dem Kapitel zur Objektivität in der „Wissenschaft der Logik“ und in der Naturphilosophie der „Enzyklopädie“ erarbeitet, rekonstruiert. Diese wird vor allem in Auseinandersetzung mit der Tiefenstruktur wissenschaftlicher Erklärungen verbunden und der Bestimmung der Dinge in Raum und Zeit. Verschiedene Formen transitiver und immanenter Wirkursachen werden hier für verschiedene Erklärungsstrukturen etwa in den Kapiteln zu Mechanismus und Chemismus dargelegt. Hier entwickelt Hegel auch eine Reihe von ordnungsstiftenden Grundbegriffen, die dem Kausalitätsbegriff zugeordnet sind (z. B. Attraktion, Diremtion, Geschlossenheit, Polarität, Prozess, Repulsion, Taxonomie usw. – Begriffe, die es erlauben, konkrete Ursachen, Wirkungen und Wechselwirkungen zu isolieren, zu identifizieren bzw. zu bestimmen, zukünftige Ereignisse zu antizipieren usw.).
Schließlich wird im vierten Teil nachvollzogen, wie das Denken der Natur als begriffliches Denken der Natur transparent gemacht wird, das zudem im Dienste der Bedürfnisse und Erklärungsinteressen von freien und selbstbestimmten Lebewesen steht. Hier wird deutlich, dass kausale Naturerklärungen in letzter Instanz einem Nutzen- und Bedürfnishorizont entspringen, der von den Naturerklärungen selbst nicht mehr eingeholt werden kann.