Kanontafeln Diachron. Corpus der griechischen Handschriften und historische Untersuchung
In vielen handgeschriebenen Evangelienbüchern bilden Kanontafeln eine prächtige Ouvertüre zum eigentlichen Bibeltext. Oftmals ist dort der künstlerische Aufwand viel höher als in den anderen Teilen der Handschrift. Einige der spektakulärsten Artefakte mittelalterlicher Buchkunst sind in diesem Zusammenhang entstanden.
Technisch betrachtet, sind diese Tabellen Überlieferungszeugen für ein exegetisches Werk der Spätantike: die intrikate synoptische Arbeit des Euseb von Kaisareia (4. Jahrhundert). Die Tabellen bieten eine Art Evangeliensynopse, die dabei hilft, die Textparallelen in den vier Evangelien aufzufinden. Vermutlich von Anfang an hat es aber einen ästhetischen Überschuss gegeben, der den nüchternen Zahlenkolonnen eine Art sakrale Aura gab und zur Stabilisierung und Inszenierung (damit auch: Kanonisierung) des Heiligen Textes beitrug. Dieser doppelte Aspekt, der technische und der ästhetische, hat dafür gesorgt, dass dieser Paratext zu einem der populärsten features von biblischen Handschriften überhaupt wurde.
Im Rahmen des Projekts wird zum ersten Mal ein umfassender Überblick über die Kanontafeln für den griechischen Sprachraum erarbeitet. Damit wird es möglich sein, die reiche Überlieferung nicht nur für eine Edition, sondern im weiteren Sinn für eine Geschichte der Kanontafeln und der Buchkultur fruchtbar zu machen. Ziel ist ein nach Vollständigkeit strebendes Korpus (ca. 600 Handschriften) und eine übergreifende historische Darstellung für das byzantinische Jahrtausend.
Das Projekt hat ein hohes innovatives Potenzial, weil es durch seine Digitalstrategie breite interdisziplinäre Anknüpfungspunkte bietet (Datenbank mit Recherchemöglichkeit für kunsthistorische, liturgiewissenschaftliche, texthistorische etc. Perspektiven). Vor allem aber, weil es auf zukunftsweisende Art die Erschließung von Text-Bild- und Text-Text-Verhältnis erlaubt (Text-Bild: Dekoration, Tabellen, Zahlen; Text-Text: Verweischarakter und textbegleitende Apparate). Die historische Untersuchung wird Licht auf die byzantinische Text- und Buchkultur sowie auf Textpraktiken im Zusammenhang der Bibel werfen. Darüber hinaus ist die Erschließung und Analyse im griechischen Sprachraum lohnend, weil sie zahlreiche Anknüpfungspunkte für die anderen Sprachräume bietet, in denen die Kanontafeln ebenfalls überliefert wurden (lateinisch, syrisch, äthiopisch, armenisch, georgisch).