Interdisziplinäre empirische Forschung zum Naturverständnis und ökologischen Denken in alten und neuen Arbeitermilieus im Ruhrgebiet
Im Ruhrgebiet hat bereits vor Jahrzehnten die Transformation hin zu einer CO2-neutralen Wirtschaft begonnen. Politisch wurden viele Projekte vorangetrieben, um die Region in einem partizipativen Prozess zu einer Klimametropole umzugestalten und ein neues Wir-Gefühl zu schaffen. Im diesem Zeitraum wurden viele Kohlekraft-werke stillgelegt, so dass ganze Industriezweige wie der Bergbau oder die Textilindustrie weitestgehend verschwanden. Ein Ergebnis dieser wirtschaftlichen und sozialen Transformation war die Entstehung einer neuen Arbeiterschicht. Im Gegensatz zu den damaligen Bergbauarbeitern sind hiermit insbesondere Beschäftigte im schlecht bezahlten Dienstleistungssektor gemeint.
Ausgangspunkt des Forschungsprojekts ist nun der Umstand, dass diese politisch forcierten ökologischen Transformationsprozesse auch kulturelle Veränderungen mit sich brachten. Das Ruhrgebiet war traditionell von einer Arbeiterschaft geprägt, welche der in der 1960er-Jahren aufkommenden Umweltbewegung zunächst skeptisch gegenüberstand. Bisher ist wenig darüber bekannt, wie die alte und die neue Arbeiterklasse im Ruhrgebiet den derzeitigen Veränderungen gegenüberstehen. Hier setzt das Projekt an.
Prof. Berger konzentriert sich auf drei Ereignisse, die im Laufe des Projekts genauer untersucht werden. Zum einen das Projekt „Klimametropole Ruhr 2022“. Dieses partizipative Projekt wird von vielen regionalen Partnern getragen, bei dem Bürgerinnen und Bürger unter anderem Baumpatenschaften übernehmen können. Zum zweiten die ökologische Umgestaltung entlang der Emscher, die mittlerweile fast abgeschlossen ist. Und drittens die Internationale Garten Ausstellung (IGA), die 2027 stattfinden soll. Vor diesem Hintergrund wird unter anderem gefragt: Wie beteiligten sich alte und neue Arbeitermilieus am ökologischen Transformationsprozess? Welche Erinnerungen und Perzeptionen der ökologischen Transformation gibt es? Und inwiefern gibt es eine affektive Identifikation mit diesem Prozess?
Das Projekt ist interdisziplinär angelegt. Es kommen historische, ethnographische und kunstbasierte Methoden in einem partizipativen Forschungsformat zur Anwendung. Der erste Teil des Projekts besteht darin, in Archiven den ökologischen Transformationsprozess, und zwar beginnend von Willy Brandts Wahlkampagne „Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden“ 1961 bis hin zur Gründung des Landesumweltamtes NRW 1994, zu recherchieren. Diese Archivarbeit findet unter anderem im Archiv des „Hauses der Geschichte des Ruhrgebietes“, in den Archiven der Stadt Recklinghausen und den Emschergenossenschaften, aber auch im Forschungsprojekt „Digitaler Gedächtnisspeicher – Menschen im Bergbau“ sowie in diversen Familiennachlässen statt.
Zweitens wird das Verhältnis von Arbeiterfamilien und der Umwelt in einer Reihe von Dokumentarfilmen zwischen 1960 und 2015 ergründet. Darunter befinden sich unter anderem Filme des Westdeutschen Rundfunks oder Multimediaprojekte von Schulen aus der Region.
Drittens werden thematische Gedächtnisinterviews mit Arbeiterfamilien aus Recklinghausen-Süd, Recklinghausen-Hochlarmark und Gelsenkirchen Schalke-Nord geführt, um über mehrere Generationen hinweg vertiefte Einblicke in das Verhältnis zur Umwelt in dieser Region zu erlangen.
Durch teilnehmende Beobachtung wird zudem analysiert, wie Menschen grüne Flächen oder Kleingärten in der Region nutzen, ob sie Wochenmärkte besuchen und wie sie sich zu Umweltthemen und Ähnlichem äußern. Als weiteres Element wird aktivistische Kunst untersucht, die sich mit der ökologischen Transformation beschäftigt.