Imaginary Byzantium in Russian Intellectual History, Late 18th to Early 20th Centuries
Ziel des Forschungsvorhabens ist es, die Genese des russischen Byzanzbildes und seine dynamische Entwicklung vom späten 18. Jahrhundert bis hin zum Zerfall des Zarenreiches in seinen verschiedenen Ausprägungen zu verfolgen.
In dieser Zeit wurde das „eidetische Byzanz“ zum Muster für die Organisation der russischen Staatlichkeit, Kirche und Kultur. Neben seiner Bedeutung im geistesgeschichtlichen Diskurs im vorrevolutionären Russländischen Reich liegt die Relevanz des Themas auch darin begründet, dass sich aus der Byzanzidee eine Reihe von Ideologemen speisen, die auch zur Legitimierung des Krieges gegen die Ukraine genutzt werden.
Das Projekt zielt daher darauf, die verschiedenen Formen und politischen Funktionen des „byzantinischen Diskurses“ innerhalb der russischen Geistesgeschichte während der Kaiserzeit zu identifizieren, zu beschreiben und zu analysieren. Im Rahmen des Projekts werden die diskursiven Schemata und Tropen kartographiert und die komplexe und dauerhafte Rolle dieser Ideen bei der Gestaltung kultureller Identitäten hervorgehoben. Die detaillierte Darstellung der historischen Genese soll schließlich zu einer Dekonstruktion dieser Ideologeme beitragen.
Im ersten Projektteil wird der Einfluss von Denkern der europäischen Aufklärung (u. a. E. Gibbon, „Geschichte des Niedergangs und Untergangs des Römischen Reiches“, G. W. F. Hegel, „Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte“) und von deutschen Byzantinisten wie A. Schlözer, J. P. Krug und J. G. Stritter, die in Russland wirkten, auf die Bildung des Ideologems von Russland als Nachfolger des Byzantinischen Reiches in akademischen Gelehrtenkreisen (u. a. bei P. Tschaadajew, A. Herzen, A. Chomjakow, N. Fjodorow, I. Gagarin) untersucht.
Im zweiten Projektteil wird die Entwicklung der „byzantinischen Idee“ von einem marginalen Konzept der Slawophilen zu einem wesentlichen Element der konservativen Ideologie in Russland nachgezeichnet. Dabei werden insbesondere I. Kireevskys und K. N. Leontjews byzantinozentrische Geschichtsphilosophie, F. I. Tjutschews geopolitische Konstrukte vom Russischen Reich als Nachfolger des Byzantinischen bzw. Römischen Reiches, aber auch das (durchaus ambigue) Bild von Byzanz in den Publikationen des Philosophen und Dichters W. Solowjew, der Byzanz einerseits als den Hüter des wahren Glaubens ansah, andererseits aber auch sein Versagen in der Praxis kritisierte, in den Blick genommen.
Im dritten Projektteil liegt der Fokus der Untersuchung darauf, wie das „byzantinische Argument“ (einschließlich der Rhetorik rund um die Meerenge, das Kreuz auf der Hagia Sophia und die Verwendung von „Tsargrad“ anstelle von „Istanbul“) zur Legitimation von Kriegszielen im Ersten Weltkrieg in den Schriften und Reden russischer Intellektueller, Theologen und Politiker (u. a. P. Milyukov, E. Trubetskoy, S. Bulgakov, N. Roschkow) beigetragen hat.
Übergreifend wird eine umfassende Synthese der Bilder von Byzanz in der russischen intellektuellen Kultur angestrebt. Die im Rahmen des Projekts identifizierten Typologien – negativ, bipolar und positiv/byzantinisch-zentrisch – werden systematisiert und ihre Entwicklung vom späten 18. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg dargestellt. Es soll gezeigt werden, wie diese Bilder von Byzanz mit den wichtigsten ideologischen Strömungen des russischen Denkens verwoben waren, einschließlich des Slawophilismus, des Westernismus, des Konservatismus, des Liberalismus und der religiösen Philosophie. Besonderes Augenmerk wird darauf gelegt werden, wie Debatten über Byzanz Visionen der politischen und kulturellen Identität Russlands prägten und Konzepte wie das Dritte Rom, den russischen Messianismus und den Byzantinismus als Modell von Staatlichkeit und Autorität legitimierten. In einem Ausblick wird schließlich nachgezeichnet, welche Rolle das „eidetische Byzanz“ in den sowjetischen, postsowjetischen und zeitgenössischen (imperialen) Diskursen (u.a. T. Shevkunov, A. Dugin) über den Platz Russlands in Europa und in der Welt spielt.