Historiographies of Early Modern Southeast Europe. An Exemplary Handbook
Ziel des Forschungsprojektes ist die Erarbeitung eines umfassenden Handbuches zur Geschichtsschreibung im vormodernen Südosteuropa. Dabei wird die thematische und methodische Vielfalt des Schreibens über Geschichte in einem multilingualen und multikonfessionellen Raum – in keiner anderen osteuropäischen Region koexistieren islamische, orthodoxe, katholische und jüdische Traditionen in vergleichbarer Weise – exemplarisch rekonstruiert.
An der Schnittstelle von mediterraner, osteuropäischer und vorderasiatischer Kultur gelegen, rückt das vormoderne Südosteuropa verstärkt in den Blickwinkel der Frühneuzeitforschung. Mit der Systemwende Ende des 20. Jahrhunderts, den oft krisenhaften gesellschaftlichen Umbrüchen und nicht zuletzt der Öffnung der akademischen Märkte erfährt auch die wissenschaftliche Beschäftigung mit älteren Geschichtsepochen des Raumes in der inner- wie auch außerregionalen Forschung eine Reihe von Revisionen. Westeurozentrische werden ebenso wie nationalgeschichtliche Parameter zunehmend hinterfragt, etablierte Forschungsansätze im Lichte kulturwissenschaftlicher, transfer- und verflechtungswissenschaftlicher Zugänge einer kritischen Deutung unterworfen.
Als Quellenhandbuch für ein breites, am östlichen euro-mediterranen Raum interessiertes Fachpublikum konzipiert, soll das von Fachleuten verfasste Handbuch eine Einführung in die sprachliche, gestalterische und thematische Diversität von Geschichtsschreibung vor ihrer Verwissenschaftlichung im 19. Jahrhundert bieten. Anhand von edierten und kommentierten Quellenauszügen – u. a. Chroniken, Traktate, Hagiographien, Annalen – werden so die Verschränkungen von Religionskulturen, Herrschaftsräumen und Wissenstraditionen sichtbar gemacht und die Möglichkeiten des Arbeitens mit und an Historiographie veranschaulicht. Das Handbuch wird themenorientiert gegliedert. Diese Themen werden in einem Darstellungsverfahren präsentiert, das die Teiledition einer (osmanischen, griechischen, kirchenslawischen, rumänischen, kroatischen oder lateinischen) Originalquelle mit einer englischsprachigen Übersetzung und einem begleitenden Kommentar verbindet, der neben Basisinformationen zum Verständnis der Quelle vor allem ihre Spezifik in den größeren Problemzusammenhang einordnet. Vorgesehen ist eine dreiteilige Gliederung des Handbuches nach strukturierenden Themen (Founding themes), Formen der Sinngebung (Ways of making sense) und dem Gebrauch von Quellen (Using sources). In der Erprobung neuer Zugriffsweisen auf einen zugleich vielseitigen wie herausfordernden Textbestand ist beabsichtigt, auf dem Gebiet der kulturell vergleichenden Historiographiegeschichte neue Impulse zu setzen.