Funding Funded Projects Götterblick auf Tabal − Wiederentdeckung einer eisenzeitlichen Kulturlandschaft im Becken von Kangal (Türkei) mittels Fernerkundung

Götterblick auf Tabal − Wiederentdeckung einer eisenzeitlichen Kulturlandschaft im Becken von Kangal (Türkei) mittels Fernerkundung

Die Eisenzeit Anatoliens (ca. 1180‒330 v. Chr.) wird vor allem von den großen Kulturbereichen Phrygiens in Zentralanatolien, Urartus im Osten und den sogenannten neohethitischen Fürstentümern bzw. syro-anatolischen Stadtstaaten im Südosten geprägt. Zwischen diesen Regionen liegt ein kaum erforschtes Gebiet in der heutigen Provinz Sivas, das durch den Flussverlauf des Oberen Kızılırmak geteilt wird. Im nördlichen Teil dieses Gebiets werden die eisenzeitlichen Kaškäer vermutet, während die südlich des Flusslaufes liegenden Bereiche mit dem neo-hethitischen Königreich bzw. der Landschaft von Tabal in Verbindung gebracht werden.

Prof. Mielke ist seit 2022 an einem Forschungspro­jekt beteiligt, das im Rahmen von Oberflächensurveys die weitgehend in Vergessenheit geratene Kulturland­schaft im Becken von Kangal untersucht (ca. 1180‒330 v. Chr.). Die beiden Kampagnen mit ersten Feldarbeiten vor Ort haben eine außergewöhnliche Dichte an eisen­zeitlichen Siedlungsstellen erkennen lassen, die im Durchschnitt drei bis fünf Kilometer auseinander liegen. Im Zentrum dieser Region erhebt sich das beeindru­ckende Basaltplateau des Karaseki mit der Siedlung Havuz-Aslantaş. Im Zuge der Surveys konnte auf dem Scheitel der Kulmaç Dağları zudem eine rätselhafte, nach Norden verlaufende Befestigungsmauer ausge­macht werden, die anhand von Satellitenbildern bislang über elf Kilometer verfolgt werden konnte und die mit der Nordgrenze des Neuassyrischen Reiches in Verbindung gebracht wurde.

Trotz der bereits gewonnenen Erkenntnisse bleibt die Kulturlandschaft der heutigen Provinz Sivas weitgehend eine terra incognita. Nach Ansicht Prof. Mielkes haben jedoch die Ergebnisse der Oberflächensurveys sowie die Auswertung frei zugänglicher Satellitenbilder das immense Potenzial für eine umfassende Erschließung dieser in Vergessenheit geratenen Region durch Ferner­kundung deutlich gemacht. Das Untersuchungsgebiet er­streckt sich über eine Fläche von etwa 3.300 km², was eine vollständige Erfassung mit herkömmlichen Survey­methoden unmöglich macht. Die außergewöhnlich gut erhaltenen und aus der Vogelperspektive klar erkenn­baren Fundstellen sind auf die geringe Bevölkerungs­dichte und die karge, kaum für den Ackerbau geeignete Landschaft zurückzuführen, die zudem nur spärlich von Vegetation bedeckt ist. Das Kangal-Becken bietet daher optimale Bedingungen, um mit minimalem Aufwand eine historische Kulturlandschaft systematisch mittels Ferner­kundung zu erforschen – nicht nur die Siedlung von Havuz-Aslantaş, sondern auch weitere bekannte Fund­stellen, einschließlich der mysteriösen Mauer auf der Kulmaç-Dağları-Bergkette. Das Vorhaben ist besonders dringend, da die wertvollen Kulturdenkmäler durch den Ausbau von Photovoltaikanlagen, Windparks, Verkehrs­wegen und Wasserreservoiren in der zunehmend indust­rialisierten Region stark bedroht sind.

Im Rahmen dieser Studie wird nun eine großräumige Er­forschung archäologischer Strukturen im Becken von Kangal mittels hochauflösender (VHR=very high reso­lution) optischer Fernerkundungsdaten (FE-Daten) vorgenommen. Im ersten Schritt werden die vorliegenden Bilder und Daten im Labor für Photogrammetrie der Ber­liner Hochschule für Technik aufbereitet, wobei aktuelle KI-Methoden des Deep-Learning und des Ma­schinellen Lernens bei der flächendeckenden Auswertung der Bilddaten angewendet werden. Mit Hilfe der Software ERDAS IMAGINE und anderer Open Source-Lösungen wird ein Katalog von Trainingsdaten erstellt, der Bildmuster bekannter archäologischer Strukturen ent­hält. Prof. Mielke geht davon aus, dass mit dem KI-trainierten System neue archäologische Strukturen iden­tifiziert werden können. Im Zweiten Schritt werden die neu entdeckten Fundstellen in die Funddatenbank und das Geographische Informationssystem (GI) des Pro­jekts eingebracht und die potenziellen Fundstellen vor Ort begangen, archäologisch untersucht und ausge­wertet. Zuletzt geht es darum, alle Fundstellen historisch und verkehrsgeographisch zu analysieren und die in Vergessenheit geratene Kultur­landschaft im Becken von Kangal im eisenzeitlichen Zusammenhang zu rekonstruieren.

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