Geschichte türkischer Einwandererorganisationen im Vergleich: Zusammenspiele zwischen Generationen und Geschlechtern
Ziel des Projekts ist es, die Geschichte von türkischen Einwandererorganisationen in Deutschland hinsichtlich ihrer kulturellen Zugehörigkeiten von den 1970er-Jahren bis Anfang der 2000er-Jahre zu untersuchen.
Prof. Berger geht von der Beobachtung aus, dass türkische Migrantenverbände in historischen Studien zu sozialen Bewegungen nur relativ geringe Beachtung fanden. So sind zwar die gegenwärtigen sozialen und politischen Interessen der Einwanderervereine untersucht worden, aber der kulturelle Wandel innerhalb der Migrantenbewegungen wurde bisher nur wenig erforscht. Zwar betrachten wegweisende Veröffentlichungen die Interessenänderungen in bestimmten religiösen und nationalistischen Migrantendachverbänden, die Anfang der 2000er-Jahre, insbesondere nach den Anschlägen vom 11. September 2001 und ihren traumatisierenden Auswirkungen auf die deutsche Öffentlichkeit, auf einen liberaleren und integrierten Islam ausgerichtet worden waren. Welche kulturellen Veränderungen zu diesen Interessenänderungen beigetragen haben, ist jedoch unbeantwortet geblieben. Bis heute liegt keine vergleichende Monographie vor, die die kulturellen Entwicklungen dieser Einwandererorganisationen in den Städten sowie die Zusammenarbeit, Spannungen und Abspaltungen zwischen ihren Mitgliedern auf lokaler Ebene untersucht. Auch bleibt das Thema des historischen Wandels der Geschlechterperspektiven in den türkischen Migrantenverbänden noch eine Lücke in der Literatur.
Die zentrale Frage des Forschungsvorhabens lautet: Wie hat sich die kulturelle Geschichte der Migrantenorganisationen auf institutioneller/exekutiver und mitgliedschaftlicher Ebene sowie im Verhältnis zur aufstrebenden Frauenbewegung entwickelt? Prof. Berger beschäftigt sich mit dieser Frage am Beispiel von vier Einwandererdachverbänden aus der Türkei (Islamische Gemeinschaft Milli Görüş e. V., Alevitische Gemeinde Deutschland e. V., Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Deutschland e. V., Föderation Demokratischer Arbeitervereine e. V.) mit einem großen Schwerpunkt auf ihren Verbänden, sozialen Netzwerken und Frauenausschüssen in Köln und Frankfurt am Main im Zeitraum der 1970er- bis Anfang der 2000er-Jahre. Er untersucht somit die Geschichte von Dachverbänden in zwei Städten anhand der sich ändernden kulturellen Zugehörigkeit auf institutioneller und lokaler Ebene und priorisiert die Beteiligung von Frauen an diesen Organisationen. Das Ziel des Projekts besteht darin, vergleichende Einblicke in die Rolle von strukturellen Faktoren (u. a. ethnische Zusammensetzung bzw. kulturelle Prioritäten der Migrantenviertel; Migrantenrechte und Arbeiterrechte; Einflüsse der türkischen Parteien und Bewegungen und der deutschen Ausländer- und Integrationspolitik) in der kulturellen Geschichte von Migrantenorganisationen zu geben.
Das Forschungsvorgehen basiert auf bereits lokalisierten Archivdokumenten (u. a. Protokolle von Mitgliedsversammlungen, Manifeste, Programme, Zeitschriften) und Oral History-Interviews mit Verbandsmitgliedern verschiedener Generationen und Geschlechtergruppen sowie auf institutioneller und Mitgliederebene.