Funding Funded Projects Gender und kleine Formen um 1900 am Beispiel Julie Jolowicz‘

Gender und kleine Formen um 1900 am Beispiel Julie Jolowicz‘

Dr. Ksenofontova untersucht mit diesem Projekt Zusammenhänge zwischen Kurzprosa bzw. kleinen Formen und der Genderproblematik um 1900 am Beispiel der vergessenen Schriftstellerin Julie Jolowicz (1869–1941).

Jolowicz veröffentlichte in der Presse der wilhelminischen Zeit über achtzig kurze Prosatexte, deren Formenspektrum von Novelle über Skizze bis Feuilleton reicht. Jolowicz‘ Œuvre interessiert dabei nicht nur als einzigartiges Beispiel früher feministi­scher Kurzprosa, sondern auch als ein repräsentativer Fall ihrer Zeit. Sie steht für eine ganze Generation von Autorinnen, die um 1900 bevorzugt in kleinen Formen publizierten. Ein Hauptgrund für ihre geringe Sichtbar­keit liegt in der historischen Spaltung des literarischen Feldes: Auf der einen Seite gibt es die unterhaltsamen, vermeintlich trivialen und als „weiblich“ geltenden klei­nen literarischen Formen, auf der anderen Seite sozial­kritische, „hochliterarische“ und männlich konnotierte Li­teratur. Diese Dichotomien, mit denen sich Jolowicz’ Werk kritisch auseinandersetzt, haben folglich zum sys­tematischen Ausschluss zahlreicher Kurzprosaistinnen aus dem literarischen Kanon geführt.

Diese Texte, die sich durch einen ausgeprägt feministi­schen Impuls auszeichnen, werden nun erstmals in einer kommentierten Edition zugänglich gemacht. Zugleich sollen durch die Analyse von Jolowicz‘ Schriften die kleinen Formen als Orte und Akteure der Aushandlung von Gender- sowie Emanzipationsfragen zum Vorschein gebracht werden. Dr. Ksenofontova geht dabei davon aus, dass genau diese Kürze ihrer Prosa Jolowicz die spezifischen Konstruktio­nen weiblicher Subjektivität jenseits patriarchaler Nor­men ermöglicht hat. Durch die Umwertung des Kleinen als soziokulturelles Konzept wie auch als literarische Form unterläuft Jolowicz die konventionellen Vorstellun­gen von Frauenrollen und „Frauenprosa“.

Jolowicz‘ Prosastücke stellen die Position des Kleinen in zeiträumlichen Ordnungen infrage und rekonfigurieren die damit einhergehenden Machtverhältnisse: Beispielsweise hinterfragen sie die abwertende Verknüpfung zwischen Weiblichkeit und dem Alltäglichen sowie Privaten: Jolowicz‘ Frauenfiguren inszenieren sich als historische Subjekte und drängen konsequent in die Öffentlichkeit, häufig als moderne Flaneurinnen. Sie decken das sozialkritische Potenzial des scheinbar Ephemeren und Belanglosen auf, wie etwa des affektiv geladenen Augenblicks oder der Mode, und relativieren zugleich die vermeintliche Größe der Ehe und der Reproduktion als Meilensteine eines weiblichen Lebenswegs.

Durch die Sichtbarmachung der Kurzprosaistinnen der Jahrhundertwende trägt das Projekt zur Neuschreibung der Literaturgeschichte klei­ner Formen sowie feministischer Prosa in der Moderne bei. Zudem bringt es die kleinen li­terarischen Formen als Medium ästhetischer-politischer Selbstbehauptung von Frauen um 1900 ans Licht und trägt zu unserem Verständnis sozialkriti­scher Funktionsweisen kleiner literarischer Formen bei­.

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