Functional characterization and impact of a novel mutation in the F12 gene associated with a new urticarial autoinflammatory disease
Bei autoinflammatorischen Erkrankungen aktivieren gewebsspezifische Faktoren Zellen des angeborenen Immunsystems, die daraufhin überaktiv werden und das Gewebe schädigen.
Dr. Krause untersucht eine Familie, in der Mitglieder seit vier Generationen unter einer Kälteurtikaria – einer krankhaften Reaktion der Haut mit Rötungen, Quaddeln und Juckreiz, die durch Kälte ausgelöst wird – in Verbindung mit einer generalisierten Entzündung leiden. Trotz der Ähnlichkeit mit den Symptomen einer bekannten systemischen inflammatorischen Erkrankung fand sich keine Mutation in den normalerweise dabei betroffenen Genen. Bei der DNA-Sequenzierung der Familienmitglieder stieß Dr. Krause dann auf eine bislang unbekannte heterozygot vererbte Mutation im F12-Gen für den Faktor XII. Dieser Faktor ist nicht nur an der Blutgerinnung, sondern auch an der Aktivierung des Kallikrein-Kinin-Systems beteiligt, das die Expression des Entzündungsmediators Bradykinin fördert – eines Gewebshormons, durch das Gefäße erweitert und deren Permeabilität sowie die Schmerzempfindlichkeit erhöht werden. Die Sequenzvariante W287R des Faktors XII, ein Aminosäureaustausch von Tryptophan zu Arginin, befindet sich in einem Abschnitt des Proteins, der für dessen Bindung von Botenstoffen und die Kontrolle seiner proteolytischen Aktivitäten wichtig ist.
Aufgrund funktioneller Vorversuche geht Dr. Krause davon aus, mit dieser Faktor XII-Variante den Auslöser für die Erkrankung gefunden zu haben, für die sie die Bezeichnung „Mit dem Faktor XII assoziierte Kälteurtikaria“ (FACUS; factor XII-associated cold urticarial syndrome) vorgeschlagen hat. Sie postuliert, dass in der neuen Faktorvariante neue Schnittstellen für Enzyme entstanden sind, wodurch dieser Faktor im weiteren Verlauf falsch weiterverarbeitet wird und daher vor allem die Neutrophilen Granulozyten teilweise sogar permanent die aktivierte Form des Faktors generieren. Die Wissenschaftlerin kommt zu dem Schluss, dass die Mutation eine Abfolge von Aktivierungen hervorruft, die über eine vermehrte Freisetzung von Interleukin-1ß (IL-1ß) letztlich dazu führt, dass die Bildung von Bradykinin erleichtert und immer weiter angekurbelt wird. Bradykinin kann Mastzellen dazu bringen, Heparin freizusetzen und so über eine FXII-Aktivierung die lokale Produktion von Bradykinin noch einmal weiter anzukurbeln. Eine solche Abfolge von Reaktionen würde die Urtikaria-Symptome bei den FACUS-Patienten erklären. Die neue Mutation würde somit ihre pathogene Wirkung über einen neuen Mechanismus entfalten, der in dieser Form als Auslöser für eine kälteinduzierte autoinflammatorische Urtikaria bisher unbekannt war.
Diese Hypothesen sollen überprüft und beispielsweise die neu entstandenen internen Schnittstellen verifiziert werden. Zudem soll noch einmal die Bedeutung der Neutrophilen für die Produktion des aktivierten und inaktiven Faktors sowie die Hautausschläge nachgewiesen werden. Weiterhin wird der Frage nachgegangen, ob die Faktor-XII-Variante selbst als Gefahrensignal wirkt und eine entsprechende Reaktion des Körpers hervorruft oder ob sie aufgrund veränderter Substratspezifität oder Spalteigenschaften eher indirekt diese Gefahrenlage heraufbeschwört. Schließlich soll noch charakterisiert werden, welche Auswirkungen die Faktor-XII-Variante auf die Aktivierung der Mastzellen sowie deren Bradykinin-gesteuerte Freisetzung von Botenstoffen hat.