Fragmented Dialogues. Coptic Letters at the Crossroads of Christian and Islamic Egypt
Ausgangspunkt der Studie ist die zweitgrößte Sammlung antiker Schriftartefakte in Deutschland: die Papyrussammlung der Universität Heidelberg, die ägyptische Papyri und Hadernpapiere in verschiedenen Sprachen aus unterschiedlichen Jahrhunderten umfasst.
Im Gegensatz zu den griechischen Papyri haben die koptischen Texte der Sammlung bislang nur wenig Beachtung gefunden. Dr. Vanderheyden möchte diese Forschungslücke schließen, indem sie ein Korpus von 17 bisher unveröffentlichten koptischen Briefen aus dem 5., 7. und 8. Jahrhundert n. Chr. wissenschaftlich erschließt. Mit der Edition dieser privaten Briefe sollen neue Einblicke in die Mikrogeschichte des spätantiken und frühislamischen Ägypten gewonnen werden. Die Veröffentlichung neuer volkssprachlicher bzw. koptischer Texte bietet die Möglichkeit, das Wissen über das provinzielle Leben, das aus offiziellen griechischen Überlieferungen und Quellen nur unzureichend erschlossen werden kann, zu erweitern und einen Einblick in Mentalität und Alltag der Menschen zu geben.
Das Projekt steht im Einklang mit der aktuellen Forschung zur koptischen Epistolographie, die den Fokus zunehmend von religiösen und weltlichen Eliten hin zu sozialgeschichtlichen Aspekten des Alltagslebens verschiebt. Es zielt darauf ab, mehrere zentrale Forschungsfragen zur spätantiken und frühislamischen Epistolographie zu beantworten: Wie spiegeln die koptischen Briefe das soziale, wirtschaftliche und religiöse Leben ihrer Zeit wider? Welche sprachlichen und kulturellen Informationen lassen sich aus diesen Briefen gewinnen? Und wie können digitale Werkzeuge sowie verbesserte Publikationsmethoden den Zugang zu diesen antiken Dokumenten erleichtern und ihre Analyse beschleunigen?
Bereits im 1. Jahrhundert n. Chr. hatte sich Griechisch als Schriftsprache der Verwaltung gegenüber Demotisch längst durchgesetzt, sodass Ägypter, die des Griechischen nicht mächtig waren und korrespondieren wollten, auf Dolmetscher angewiesen waren. Das Koptische, das aus dem griechischen Alphabet entwickelt und mit einigen demotischen Zeichen ergänzt wurde, setzte sich im Verlauf des 3. und 4. Jahrhundert n. Chr. auch als Schriftsprache durch. Während der Christianisierung Ägyptens koexistierten Griechisch als Verwaltungssprache und Koptisch als Umgangssprache. Koptische Briefe dominierten die private Kommunikation in christlichen Netzwerken, kleinen Gemeinschaften und Familien, während die griechische Korrespondenz in geschäftlichen Kontexten, etwa zwischen Beamten, Eliten und Großgrundbesitzern, vorherrschte. Die Forschung hat bis in die jüngste Zeit primär griechische Dokumente als Quellen für die ägyptische Geschichte herangezogen, während spätantike Texte in koptischer Sprache nur selten berücksichtigt wurden. Dadurch wurde ein bedeutender Teil der mehrsprachigen spätantiken ägyptischen Gesellschaft weitgehend ausgeblendet.
Dr. Vanderheyden hofft, durch die noch zu klärende Erwerbsgeschichte der Heidelberger Sammlung auch Rückschlüsse auf die Provenienz der Papyri ziehen zu können. Der Name des Briefempfängers und dessen „Adresse“ könnten dabei helfen, den antiken Namen des Fundortes zu identifizieren. Erste Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die fragmentarisch erhaltenen Texte aus Mittelägypten stammen.
Zu den erwarteten Ergebnissen des Projekts gehören neben detaillierten linguistischen und soziokulturellen Analysen neue Einblicke in das tägliche Leben und die zwischenmenschlichen Beziehungen der koptischsprachigen Gemeinschaften unter byzantinischer und islamischer Herrschaft.