Funding Funded Projects Erschließung des personalen Gelegenheitsschrifttums der Universitätsbibliothek Thorn

Erschließung des personalen Gelegenheitsschrifttums der Universitätsbibliothek Thorn

Bücher aus dem alten deutschen Sprachraum jenseits von Oder und Neiße gelangten nach dem Zweiten Weltkrieg v. a. in vier große Bibliotheken: Warschau, Vilnius, St. Petersburg und die 1945 neugegründete Universitätsbibliothek im polnischen Thorn (poln. Toruń). Von diesen besitzt Thorn den reichsten Bestand aus Pommern, zudem viele, nicht selten unikale Drucke aus Königsberg, West- und Ostpreußen und abgesprengte bibliothekarische Einheiten aus dem Baltikum.

Prof. Garber widmet sich mit diesem Projekt einem Forschungsfeld, das die Sicherung und Auswertung von Quellen aus jenem Sprachraum (vieles davon wurde vernichtet oder in in­zwischen nichtdeutsche Bibliotheken übernommen und dort in neue Zusammenhänge eingeordnet) als eines der zentralen Anliegen der aktuellen Kultur- und Literatur­wissenschaft zur Frühen Neuzeit begreift. Er wendet sich – mit einem Ansatz, der materialerschließende Grundla­genarbeit mit kulturgeschichtlicher Mentalitätsforschung verbindet – den Thorner Beständen zu, und darin einer kulturgeschichtlich besonders aufschlussreichen Quellenart, nämlich dem sogenannten personalen Gelegenheits­schrifttum, das wie keine andere Gattung zur Rekon­struktion kultureller Kommunikationsformen und -pro­zesse geeignet ist. Zum Casualschrifttum zählen Doku­mente zum Leben einzelner Personen (von der Geburt, über Taufe, Reisen, Hochzeiten, Krankheiten bis zum Tod) bzw. Textsorten wie Feiergedichte, Gratulationen, Trau­erreden, Leichenpredigten, gelehrte Disputationen, Ge­denkschriften, Verlautbarungen aus Gymnasien und Kir­chen etc. Die überwiegend lateinischen Schriften sind strukturell höchst heterogen und weisen z. T. mehrere Dutzend beteiligter oder erwähnter Personen auf.

Der Bedeutung der Thorner Bestände kann u. a. mit Blick auf den Barockdichter Simon Dach (1605-1659) und den Königsberger Dichterkreis um ihn illustriert werden: In Thorn liegen über einhundert Drucke von Werken Dachs, zudem eine Reihe von Funeralia auf Dachs Tod, die bislang der For­schung unbekannt sind oder nicht berücksichtigt wurden, zudem zahlreiche Dokumente zu seinem Umfeld, u. a. zu dem Humanisten Christoph Kaldenbach oder dem Kom­ponisten Heinrich Albert.

Von den 5530 ermittelten projektrelevanten Drucken in Thorn wurden 1038 aus dem westpreußischen Kreis Elbing bereits dokumentiert (publiziert 2008 in zwei Bänden). Die verbleibenden ca. 4500 Drucke liegen als Microfiches vor und werden nach einem Schema er­schlos­sen, das im letzten Vierteljahrhundert an der Uni­versität Osnabrück entwickelt wurde: zum einen in ge­druckten Katalogen im Rahmen des von Prof. Garber edierten „Handbuchs des personalen Gelegenheits­schrifttums in europäischen Bibliotheken und Archiven“ (seit 2001 in ca. 30 Bänden), das im Verlag Olms-Weid­mann er­scheint und inzwischen international als Refe­renzwerk zitiert wird; zum anderen integriert in ein im Entstehen begriffenes Internetportal, das sämtliche Drucke des Handbuchs ebenfalls enthal­ten, mit Meta­daten verknüp­fen und diverse Recherchemöglichkeiten erlau­ben soll. Einblick in den aktuellen Stand der Ar­beiten gibt www.ikfn-hpg.uni-osnabrueck.de.

Wie alle Bände der Osnabrücker Forschungsgruppe wer­den auch die voraussichtlich vier Teilbände zu Thorn mit einer ausführlichen (bibliotheks-)geschichtlichen Ein­führung versehen. Als einen ihrer Schwerpunkte soll sie die Text-Provenienzen erhellen und so zur kulturellen Gedächtnisbildung und zur Erinnerungsarbeit an zahlrei­che, oft inzwischen untergegangene Institutionen des deutschen Ostens beitragen. Auch wird ein detailliertes Verzeichnis der vorliegenden Sekundärliteratur erarbei­tet, sowohl zur Bibliotheksgeschichte als auch zu dem präsentierten Material.

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