Eine integrierte Visual History der nationalsozialistischen Deportationen aus dem Deutschen Reich
In den letzten Jahren ist es dem vielfach preisgekrönten von Dr. Bothe geleiteten Forschungsprojekt „#LastSeen. Bilder der NS-Deportationen“ gelungen, etwa 600 über die ganze Welt verstreute Photographien von Deportationen der als Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma verfolgten Menschen aus dem Deutschen Reich in einem digitalen Bildatlas einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Nach Abschluss dieser ersten Phase des Projekts, die sich vor allem der Sammlung, Sicherung und Dokumentation der Bilder widmete, wird nun die „Visual History“ der Photographien der NS-Deportationen aus dem Reichsgebiet in zwei eng verzahnten Teilprojekten vertieft erforscht und nachhaltig für die Forschung gesichert.
Im Teilprojekt „Motiv“ werden die Fotos als visuelle Quellen in den Fokus gennommen und die Bildinhalte, Codes und Symbole untersucht. Es werden Fragen an die Inszenierung der Bilder, die ideologische Durchdringung der Bildsprache, die serienübergreifenden visuellen Narrative gestellt.
Die Analyse auf der Ebene des „Motivs“ zeigt, dass die Grenzen zwischen Augenzeugenschaft und Teilhabe fließend waren. Weit über die schriftlichen Quellen und mündlichen Aussagen hinausgehend, bilden die gesammelten Photographien eine große Bandbreite von Tatbeteiligungen ab und lassen neue Rückschlüsse auf die Rolle der tattragenden Gesellschaft (sogenannte „Bystanders“) zu. Die Bilder zeigen, dass diese Verschleppungen öffentlich waren. Viele Bilder sind von den Tätern und Täterinnen als Dokumentation des eigenen Handelns in Auftrag gegeben oder als Trophäen erstellt worden, doch finden sich auch gegenläufige Narrative: Von kritischen, klandestinen Beobachtern sowie von den Verfolgten selbst unter hohem Risiko gefertigte Aufnahmen stellen nicht nur Zeugnisse des aktiven Widerstands dar, sondern konterkarieren das visuelle rassistische und antisemitische Narrativ der Täter und Täterinnen. Ziel des Teilprojekts „Motiv“ ist die Dekonstruktion der nationalsozialistischen visuellen Erzählung über die Deportationen bei gleichzeitiger Rekonstruktion der Tatabläufe unter Integration von Gegenerzählungen zu diesem Narrativ.
Das Teilprojekt „Artefakt“ ist der Überlieferungsgeschichte der Deportationsphotographien und ihrem „Nachleben“ gewidmet. Es werden die Photographien als Artefakte betrachtet und ihre Symbol- und Objekthaftigkeit gewürdigt. In Fallstudien werden sowohl die Transmission der Bilder als auch die Bedingungen ihrer Produktion, Reproduktion und Nutzung untersucht. Dabei wird nicht nur nachgezeichnet, welche Wege die Fotos bzw. deren Kopien unter welchen Umständen nahmen, sondern welche Bedeutung ihnen in unterschiedlichen Verwendungskontexten (z. B. NS-Chroniken, Museen, Archive, Familienbesitz, Gerichtsprozesse nach 1945, Zeitungsartikel) und von diversen Akteuren und Rezipienten (z. B. Überlebende, Angehörige der Deportierten) beigemessen wurde.
Beide Teilprojekte werden mit Hilfe von vier verschiedenen Forschungsansätzen angegangen: bildwissenschaftlich, ereignisgeschichtlich, erfahrungsgeschichtlich und emotionshistorisch.