Edition mit deutscher Übersetzung und Kommentar der Logica Mexicana (Abschnitt ‚De interpretatione‘) des Antonio Rubio de Rueda.
Das Projekt hat zum Ziel, eine Edition, Übersetzung, ausführliche Werkeinleitung und einen philosophischen Kommentar zur Erläuterung, Auslegung, Interpretation und didaktischen Aufbereitung der aristotelischen Schrift „Peri hermeneias“ („De interpretatione“) durch Antonio Rubio de Rueda SJ (1548-1615) zu erarbeiten.
Die Spanische Spätscholastik des 16. und 17. Jahrhunderts, mit der die Namen von Autoren wie Francisco de Vitoria, Domingo de Soto, Luis de Molina und Francisco Suárez verbunden werden, ist im deutschsprachigen Bereich erst in neuerer Zeit in den Blickpunkt des Forschungsinteresses gerückt. Dies steht im Zusammenhang mit dem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wiedererwachten Interesses an der Frage nach dem Status und der Tragweite des Konzepts des Naturrechts („ius naturale“) bzw. des als Struktur sittlicher Grundprinzipien zu verstehenden Naturgesetzes („lex naturalis“), das als normative, der menschlichen Willkür entzogene Grundlage sittlichen Handelns sowie positiver Gesetzgebung fungieren soll. Die bisherige Forschung hat dabei vor allem die Klassiker aus Spanien selber ins Auge gefasst. Was insbesondere im deutschsprachigen Bereich demgegenüber vollkommen fehlt, ist die wissenschaftliche Beschäftigung mit den Stimmen derjenigen Theoretiker, die ihren Lebensmittelpunkt in den spanischen Territorien der Neuen Welt hatten. Einem dieser Denker widmet sich Prof. Schäfer nun, indem er den logischen Schriften des Antonio Rubio das Augenmerk schenkt.
Der „Perí hermeneias-Kommentar“ ist Teil der Gesamtinterpretation der „Dialectica“, der erkenntnistheoretischen, sprachphilosophischen und logischen Schriften des Aristoteles, die der Philosoph und Theologe Antonio Rubio de Rueda als „Logica Mexicana“ (1605) vorgelegt hat. Während seiner Zeit am Jesuitenkolleg von Mexiko erarbeitete Rubio einen Kurs zur gesamten Sprachphilosophie, Erkenntnistheorie und Logik auf aristotelischer Grundlage. Sein Bestreben war es offenbar, eine Logik vorzulegen, die auf dem Fundament des aristotelischen Denkens fußt, jedoch ohne den kulturellen Hintergrund der europäischen Philosophie und Theologie des Mittelalters, sondern allenfalls ein zureichendes Verständnis des Lateinischen, bei den Studenten voraussetzen zu dürfen. Die „Logica Mexicana“ hatte offenbar gerade wegen ihrer strategischen Voraussetzungslosigkeit durchschlagenden Erfolg auch in Europa und avancierte zu dem Standardwerk zur aristotelischen Erkenntnislehre im 17. Jahrhundert. Descartes hat z. B. nach eigener Auskunft nach der „Logica Mexicana“ gelernt.
Das Projekt der Ausgabe, Übersetzung und Interpretation des „Peri hermeneias-Kommentars“ aus der „Logica Mexicana“ wird den Text in einem modernen Lesetext als „editio simplex“ mit deutscher Übersetzung zugänglich machen. Die Hauptlast der Arbeit besteht dabei in der Erstellung einer ausführlichen Einleitung und einer philosophischen Kommentierung und Diskussion des Textes. Das Augenmerk liegt bei dieser philosophischen Interpretation und Bestandsaufnahme insbesondere auf dem Umstand, dass Antonio Rubio offenbar eine Theorie der Arbitrarität der Sprache vertritt, die den „linguistic turn“ in der Sprachwissenschaft des 20. Jahrhunderts vorwegnimmt. Interessant ist hier, wie Rubio diese in ihren Begründungsbeispielen pragmatisch anmutende Arbitraritätsthese mit der aristotelischen Metaphysik verbinden und mit seiner Expertise in der thomasisch-scholastischen Tradition vermitteln kann. Darüber hinaus möchte Prof. Schäfer herausarbeiten, dass Rubios Sprachphilosophie Parallelen zur modistischen Sprachphilosophie und der Theorie der „grammatica speculativa“ der scotistischen Tradition aufweist. Ergänzend zu diesen beiden zentralen Anliegen des Projektes wird auch überprüft, ob die Sprachphilosophie und Semiotik des Antonio Rubio Ähnlichkeiten zu den Theorieansätzen der ersten Grammatiker indigener Sprachen in der Neuen Welt aufweisen.
Text, Übersetzung und Kommentierung sollen in der Reihe „Quellen und Studien zur Philosophie in Neuspanien“ beim Winter Verlag Heidelberg erscheinen.