Edition des Briefwechsels zwischen Ernst und Gretha Jünger (1922–1960)
Ernst Jünger schrieb über Jahrzehnte hinweg täglich Briefe, sammelte seine Korrespondenzen und arbeitete bis zu seinem Tod beständig an der Vervollständigung seines Briefarchivs.
5.000 Personen listet ein (später ergänztes) Verzeichnis seiner Korrespondenten schon aus den 1960er-Jahren auf; im Deutschen Literaturarchiv Marbach lagern 40.000 Briefe Jüngers. Allein die Anfertigung von Regesten dafür würde etwa 30 Jahre mit 10 Mitarbeitern beanspruchen. So bleibt bis dato die editorische Erschließung einzelner Briefwechsel der einzig sinnvolle Zugang.
Bisher erschlossen und bei Klett-Cotta publiziert wurden v. a. Briefwechsel Jüngers mit bekannten Persönlichkeiten (Martin Heidegger, Carl Schmitt u. a.). Markant umfangreicher aber ist seine bislang unveröffentlichte Korrespondenz mit seiner ersten Ehefrau Gretha: nach gegenwärtigem Stand 1.954 Schreiben, 1.287 von Ernst und 677 von Gretha; überwiegend handschriftliche, oft mehrseitige Briefe aus 38 Jahren (1922-1960). Besonders ausführlich sind die Schreiben 1939-1944 während Jüngers Zeit als Wehrmachtsoffizier in Frankreich, ab 1941 in Paris. Sie entstehen parallel zu seinen Tagebüchern aus dem Zweiten Weltkrieg und der Nachkriegszeit, die von der Forschung häufig als Quelle genutzt werden, unterscheiden sich aber teils erheblich von den Tagebuchaufzeichnungen und haben somit hohe Bedeutung als alternative Quelle. Ernst erwähnt oder zitiert Grethas Briefe in den Tagebüchern häufig. Zudem überschneidet sich die Korrespondenz mit zwei Publikationen Grethas (1949 bzw. 1955): mit ihren eigenen Tagebuch-Aufzeichnungen und Briefen 1936-1946 resp. mit autobiographischen Skizzen von Stationen ihrer Ehe mit Ernst.
Die Ehekorrespondenz wurde vermutlich in den 1950er-Jahren, als es zwischen Ernst und Gretha über eine Teilveröffentlichung daraus zu einem Zerwürfnis kam, aus dem jetzt in Marbach lagernden Bestand ausgegliedert und von Michael und Thomas Klett (Klett-Cotta) aus dem Besitz der Jünger-Enkel erworben. Eine vollständige Ausgabe müsste ca. 4.000 Textseiten umfassen. Da eine solche aber für die Jünger-Forschung nicht zwingend notwendig ist – in vielen Schreiben geht es v. a. um Alltagsorganisatoria –, zielt das Projekt auf eine Auswahledition von ca. 356 Briefen.
Sie soll v. a. eine möglichst genaue Vorstellung des gesamten Ehebriefwechsels vermitteln als Dokumentation zu den Biographien beider Partner, ihren Schriften und der Zeitgeschichte. Die Ausgabe wird dafür in sieben Zeitabschnitte untergliedert, die jeweils mit einer knappen Einleitung versehen werden (zur Erläuterung der Auswahl und historisch-biographischen Zusammenhängen): I. Voreheliche Phase 1922-1925 (ca. 20 Schreiben): Erste Begegnungen und Liebesbezeugungen; Ernsts Erwägungen einer Wissenschaftlerlaufbahn; II. Reisen 1926-1939 (ca. 30 Schreiben): Geburt des ersten Sohnes; Umzug nach Berlin; Jünger als Mitarbeiter nationalistischer Zeitschriften; Beginn seiner Schriftstellerkarriere; III. Westfeldzug 1939-1941 (ca. 70 Schreiben): Siegesgewissheit bei beiden Partnern; geteilte Sorgen um das Wohl der Familie; Ausblendung der Kriegsrealitäten; IV. Paris und Kirchhorst 1941-1943 (ca. 100 Schreiben): Kontraste von Ernsts Selbstdarstellung – in den Tagebüchern als Weltmann, in den Briefen als besorgter Familienvater; Zerwürfnis der Eheleute über seine Beziehung zu der deutsch-jüdischen Ärztin Sophie Ravoux; V. Angriffe und Rückzüge 1943-1944 (ca. 80 Schreiben): Zunahme der Bombenangriffe der Alliierten auf Norddeutschland; Gretha als Chronistin der Kriegsleiden; Hader um Sophie Ravoux; Befürchtungen einer Verhaftung Ernsts oder einer Hausdurchsuchung in Kirchhorst nach dem Attentat auf Hitler 1944; VI. Nachkriegszeit 1947-1958 und VII. Letzte Briefe 1958-1960 (insgesamt ca. 50 Schreiben): neuerliche Umzüge; weiterer Zwist und Entfremdung der Ehepartner; Grethas Krebserkrankung seit 1958 (sie stirbt 1960). In maximaler Dichte präsentiert werden also die Briefe aus Jüngers Abwesenheit, 1939-44; darin sind u. a. Grethas Eifersuchtsreaktionen stilistisch hochkarätig.
Der Stellenkommentar wird – leserfreundlich – auf notwendige Erläuterungen zu Werk- und Zeitgeschichte beschränkt. Den Texten beigegeben werden eine Dokumentation der wichtigsten in der Korrespondenz erwähnten Briefe von Freunden und Lesern; Querverweise auf die Verwendung oder Erwähnung von Briefen in anderen Schriften beider Partner; ein Verzeichnis aller überlieferten Schreiben mit Kennzeichnung der in der Ausgabe erfassten; ein Nachwort zur Bedeutung des Briefwechsels für Jüngers Biographie und Werk sowie zu Gretha als Persönlichkeit und Autorin; eine synoptische Zeittafel; ein Werkregister und v. a. ein detailliertes Personenverzeichnis (genaue Angaben zu Leben, Tätigkeit und Beziehungen zum Ehepaar für ca. 380 Personen, von denen etwa die Hälfte weitgehend unbekannt und in biographischen Lexika nicht nachgewiesen ist und die aber im Werk beider Partner z. T. verschlüsselt auch anderenorts auftauchen). Von bestehender Forschung wird Gretha meist nur in der Rolle der Ehefrau gestreift. Eine eigenständige Publikation zu ihr oder ihrem Werk existiert nicht, einzig die Edition ihres Briefwechsels mit Carl Schmitt (erschienen 2003) enthält fundierte Angaben zu ihr und dokumentiert ihr eigenständiges intellektuelles Profil.