Dramaturgie und Choreographie – Zur Herausbildung neuer Formate im zeitgenössischen Tanz
Seit den 1990er-Jahren hat sich das Feld des zeitgenössischen Tanzes im Verhältnis zum Dramaturgischen wesentlich verändert. So wird bei choreographischen Projekten häufig auf die explizite Position einer Dramaturgie verzichtet. Stattdessen über-nehmen die beteiligten Akteure die einschlägigen Auf¬gaben, um Gewohntes zu überwinden und verschiedene Wissensformen miteinander in Austausch zu bringen.
Experiment, Labor, Prozess, Ausstellungen, Workshops, durational performances, immersive und partizipatorische Arbeiten, (P)Re-Enactments, Lecture Performances, Stadtspaziergänge, praxis- und researchbasierte Projekte, Nachbarschaftsprojekte, kollektiv organisierte Plattformen des Austauschs – dies alles steht für die Bandbreite von sowohl künstlerischen Formaten als auch von Arbeitsformaten innerhalb des zeitgenössischen Tanzes.
Ausgehend von diesen erweiterten Möglichkeiten des zeitgenössischen Tanzes fragt Prof. Maar nach den Praktiken, Techniken und Verfahren, die den Choreographien und den dramaturgischen Konzepten zugrunde liegen. Sie untersucht „das Dramaturgische“ in seinen intervenierenden Praktiken und zeigt, wie es sich zwischen Probe und Öffentlichkeit, zwischen Arbeits- und Präsentationsformaten, zwischen praxis und poiesis auswirkt. Auf einer zweiten Ebene werden – unter besonderer Berücksichtigung der künstlerisch-aktivistischen Szene im ehemaligen Jugoslawien – die Entwicklungen in historischer Perspektive seit den 1990er-Jahren dargestellt, vom sogenannten Konzepttanz bis hin zu post-konzeptuellen Arbeiten.
Es werden die sich verändernden Praktiken und Herangehensweisen untersucht, die sich von traditionellen Kunstproduktionen und Projekten im Bereich der Darstellenden Künste bzw. von Choreographie und Tanz unterscheiden. Die innovative Entwicklung kann auf die Szene im sozialistischen Jugoslawien der 1980er-Jahre zurückgeführt werden, die von selbstorganisierten Kulturzentren ausging und in der die Aufführungen – die fast ohne Förderung und Infrastruktur auskamen – u. a. in leerstehenden Fabriken oder auf der Straße stattfanden. Da dieses Feld des Dramaturgischen in seinen unterschiedlichen Praktiken zwischen Prozess und Produkt nur schwer zu fassen ist, nähert sich Prof. Maar dem Thema über die Reflektion der eigenen dramaturgischen Praxis im Austausch mit anderen Protagonisten der ehemaligen jugoslawischen und der aktuellen Berliner Szene und wertet einschlägige Archivalien, Videobänder und Dokumente aus. Dabei kommen sowohl diskursanalytische Verfahren und tanzwissenschaftliche Analysen als auch praxeologisch-ethnographische Methoden zum Einsatz (teilnehmende Beobachtung, Interviews, Analyse von Workshops).
Im Fokus der Studie stehen die Arbeit und die Praktiken von Dramaturgen aus dem ehemaligen Jugoslawien, die heute hauptsächlich in West-Europa arbeiten. Sie arbeiteten mit Choreographen wie Xavier Le Roy oder Tino Sehgal zusammen, und sowohl die von ihnen mitgetragenen Diskurse als auch die durch sie verbreiteten dramaturgischen Praktiken haben Prof. Maar zufolge zu neuen ästhetischen Formen des Tanzes geführt. Da der große Einfluss der Dramaturgen aus dem ehemaligen Jugoslawien auf die Tanzszene im Westen in der Forschung bislang nur wenig thematisiert wurde, werden die spezifischen Formen der Dramaturgie in historischer und gesellschaftspolitischer Perspektive dargestellt, ihre Wirkungsgeschichte vor allem im Wechselspiel zwischen Akteuren und Publikum bis in die Gegenwart nachverfolgt und wissenschaftlich eingeordnet.