„Digital divides“ und ihre Relevanz für Bildung und Arbeitswelt – Deutschland im internationalen Vergleich
Die Digitalisierung der Arbeits- und Bildungswelt hat mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie noch einmal einen deutlichen Schub erfahren.
Sowohl beim sogenannten Homeschooling als auch bei der Umstellung auf digitales Arbeiten im Homeoffice zeigten sich große soziale Unterschiede beim Zugang und der Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien. Es ist aber noch wenig über das Zusammenspiel von digitalen Kompetenzen und klassischen Ungleichheitsdimensionen in Bildung und Arbeitsmarkt bekannt. Vor diesem Hintergrund werden in dem diesem Projekt in international vergleichender Perspektive Forschungen zur Bildungsexpansion und ihren Konsequenzen für den Arbeitsmarkt, zu berufsstrukturellem Wandel und zur Digitalisierung der Gesellschaft verknüpft.
Das erste Teilprojekt ist der digitalen Bildungs- und Kompetenzsituation von Individuen gewidmet: Wie verteilen sich digitale Kompetenzen innerhalb einer Bevölkerung und im internationalen Vergleich? Zeigen sich Konsistenzen mit anderen Grundkompetenzen? Und was sind wichtige sozialstrukturelle Determinanten, um den digitalen Bildungserfolg bestimmter Bevölkerungsgruppen zu erklären?
Im zweiten Teilprojekt wird nach den Konsequenzen digitaler Kompetenzen für den Arbeitsmarkt gefragt: Inwieweit variieren digitale Kompetenzen innerhalb und zwischen unterschiedlichen Tätigkeiten, Berufen und Branchen im internationalen Vergleich? Inwieweit überschneiden sich Bildungsniveaus in Bezug auf die Arbeitsmarktpositionierung? Wie entscheidend sind formale Qualifikationen und individuelle Kompetenzen jeweils für den Arbeitsmarkterfolg? Und welche Unterschiede bestehen hier im internationalen Vergleich?
Prof. Hillmert nimmt Bezug auf drei Theorien, um digitale Kompetenzen und deren Auswirkungen zu erklären. Nach der Humankapitaltheorie führt eine höhere digitale Bildung zu einer erhöhten Produktivität, die dann wiederum besser entlohnt wird. Somit gibt es einen direkten monetären Anreiz, sich digital weiterzubilden. Gemäß der Signaltheorie deutet eine gesteigerte digitale Bildung lediglich auf eine höhere Produktivität hin, die dann oftmals besser entlohnt wird. Produktivität lässt sich allerdings nur schwer objektiv messen, weshalb insbesondere formalisierte digitale Bildungsabschlüsse eine solche Signalwirkung entfalten. Einen anderen Erklärungsansatz verfolgt die soziologische Theorie der sozialen Schließung, die von Machtverhältnissen zwischen unterschiedlichen Gruppen ausgeht. Das Nichtvorhandensein bestimmter formaler Bildungszertifikate ist somit ein Schließungskriterium, mit dem bestimmte Gruppen von Machtpositionen ferngehalten oder schlicht schlechter entlohnt werden.
Um diese Annahmen zu überprüfen, wird auf zwei große, komparativ angelegte Datensätze zurückgegriffen. Erstens ein Datensatz im Rahmen des „Programme for the International Assessment of Adult Competencies (PIAAC)”. In Stichproben wurden hier Menschen im erwerbsfähigen Alter nach ihren grundlegenden Kompetenzen gefragt. Dazu gehören unter anderem Lesekompetenzen, alltagsmathematische Kompetenzen sowie technologiebasierte Problemlösungskompetenzen. Der Erhebungszyklus begann im Jahr 2011/12 und eine weitere Haupterhebung ist für 2022/23 geplant, sodass Veränderungen über Zeit beobachtet werden können. Ergänzend werden Daten des „European Social Survey (ESS)” herangezogen, welche seit rund zwei Jahrzehnten in zweijährigem Abstand im wiederholten Querschnittsdesign gesammelt werden. Hier werden Angaben zur individuellen Erwerbsituation, aber auch zur fachlichen Ausrichtung der Ausbildung gemacht. Schnittmenge beider Datensätze sind knapp 20 Länder.