„Difficult Heritage“ in Greece: Prisons and Camps of the Occupation Era (1941-1944)
Im Zentrum des Forschungsvorhabens steht der (erin¬nerungspolitische) Umgang Griechenlands mit dem „schwierigen Erbe“ der deutsch-italienischen Besatzungszeit (1941-1944).
Unter „difficult heritage“ versteht man die Ereignisse aus der Geschichte einer Nation, eines Staates, einer Gesellschaft, die man als verstörend, schmerzhaft, beschämend, als wenig heroisch oder wenig fortschrittlich empfindet. Dazu zählen etwa Kriege und Bürgerkriege, die Unterstützung von Ideologien, die Vorurteile und Intoleranz propagieren, oder die Beteiligung an Diskriminierung, Verfolgung und Vernichtung ethnischer und religiöser Minderheiten. Diese „Vergangenheiten“ sind nur schwer mit der (positiven) Selbst-Identität einer Nation vereinbar und werden deshalb oft in der Erinnerungspolitik eines Staates ausgeblendet. So wird auch die deutsche und italienische Besatzungszeit in Griechenland (1941-1944) – anders als etwa die Klassische Antike – bis heute aus dem kollektiven Gedächtnis der Griechen weitgehend verbannt.
Von 1941 bis 1943/44 war Griechenland von deutschen, italienischen und bulgarischen Truppen besetzt. Unter der Fremdherrschaft wurde die griechische Bevölkerung wirtschaftlich ausgebeutet. Gegen die Unterdrückung formierte sich Widerstand, der von der Wehrmacht und SS-Verbänden systematisch bekämpft wurde. Dabei kam es in vielen Dörfern und Städten zu Übergriffen auf die Zivilbevölkerung (u. a. Massen-Erschießungen, Massaker, Deportationen). Zudem entstanden Konzentrationslager, in denen Partisanen, Oppositionelle, Kommunisten, Juden etc. gefangen gehalten und ermordet wurden.
Die Griechen empfinden die Besatzungszeit bis heute als traumatisch. Eine historische Aufarbeitung dieser Phase der griechischen Geschichte, etwa in nationalen Museen oder – dezentral – an „Gedächtnisorten“, ist weitgehend ausgeblieben. Die Konzentrationslager in Chaidari (Athen), Thessaloniki und Larissa sind entweder verfallen oder anderen Zwecken zugeführt worden. In der griechischen Hauptstadt ist ein Teil des ehemaligen größten Konzentrationslagers Griechenlands („Block 15“) als „Gedenkstätte des griechischen Widerstandes gegen die Nazis“ erst seit kurzem der Öffentlichkeit zugänglich.
Ziel des Projekts ist es, den (selektiven) Umgang mit dem „schwierigen Erbe“ des Zweiten Weltkrieges in Griechenland zu analysieren. Dabei wird untersucht, welche historischen Erfahrungen (z. B. Besatzungs- und Bürgerkriegstrauma) und politischen Konstellationen (z. B. Kalter Krieg; Bedrohung durch den Kommunismus; Westintegration) die griechische Erinnerungspolitik und -kultur nach dem Zweiten Weltkrieg beeinflussten. Darüber hinaus wird im Rahmen des Forschungsprojekts eine interaktive digitale „Landkarte“ (mit Informationen zum historischen Kontext sowie illustrierenden audio-visuellen Materialien) der Orte und Stätten erstellt, in denen sich das deutsche bzw. italienische Besatzungsregime manifestierte (Gefängnisse, Internierungs- und Konzentrationslager, „Märtyrerdörfer und -städte“ etc.).