Die uigurische Prosaliteratur in der VR China von der Reformära bis zur erneuten Repression
Für das Turkvolk der Uiguren – mit einem Siedlungsgebiet in Zentralasien – etablierte sich unter dem Einfluss der Sowjetunion nach 1920 eine neue und gemeinsame Literatursprache. Etwa Mitte des 20. Jahrhunderts geriet der größte Bevölkerungsteil (mehr als 10 von ca. 15 Millionen) in Xinjiang unter chinesische Herrschaft, der restliche Bevölkerungsanteil lebt heute in Kasachstan, Usbekistan oder in der Diaspora (u. a. in Deutschland). Obwohl nominell autonom, sind die Uiguren in der VR China Unterdrückungen und Verfolgungen von einer Härte ausgesetzt, die bereits als Genozid bezeichnet wurden.
Prof. Kirchner möchte mit diesem Projekt einen Beitrag zur Erschließung, Popularisierung und Erhaltung der uigurischen Gegenwartsliteratur in China leisten. Entstehen sollen eine Monographie zu dem Thema, flankiert von Übersetzungen in einer wissenschaftlich kommentierten Anthologie und eine katalogartige Erfassung und Bestandssicherung uigurischer Literatur der letzten Jahrzehnte mit einer sozio-politischen Überblicksanalyse, digital und ggf. begleitet von einer Buchedition.
Als Untersuchungszeitraum werden ca. vier Jahrzehnte gewählt: beginnend von der Reformära ab 1980, einer nach dem Tod Maos (1976) einsetzenden Öffnungspolitik und „Tauwetterperiode“ für die Uiguren, in der auch die heute gültige uigurische Schrift eingeführt wurde und die literarische Produktion markant anstieg, bis zu den Verschärfungen anti-uigurischer Repressionen ca. 2017.
Die Monographie zielt weniger auf werkimmanente Interpretationen oder literaturgeschichtliche Repräsentativität als auf Erhellung des Verhältnisses von Literatur und Gesellschaft: Inwieweit passten sich uigurische Autoren aus Xinjiang den Erwartungen und Vorgaben der VR China an? Welche Ansätze sind erkennbar, die Erwartungen (thematisch-inhaltlich oder formal) zu überbieten oder zu unterlaufen? Sind werk- und genreübergreifende Gemeinsamkeiten feststellbar oder „authentische“ uigurische Ausdrucksformen jenseits der Zensur? Welches Verhältnis besteht zwischen Selbstkonzeptionen uigurischer Schriftsteller und staatlich gesteuerter Inszenierung ihrer Literatur? Welche Neuausrichtungen werden speziell an Umbruch- oder Wendepunkten beobachtbar: mit der Reformära, nach dem Massaker auf dem Tiananmenplatz (1989), nach dem 11. September 2001 (die VR unterstellte den Uiguren damals Verbindungen mit islamistischen Terrornetzwerken), mit den Verschärfungen der Repressionen (2009, 2013, 2016)? Ausgehend von den literarischen Texten, als einer in westlichen Diskussionen kaum geläufigen uigurischen „Innenperspektive“, richtet sich der Blick u. a. auf Rollenmodelle für Uiguren und Chinesen, Umgang mit der Religion (bei den Uiguren: Islam), Auffassungen von Konzepten wie Nation, Vaterland, Fortschritt oder Rückschrittlichkeit etc.
Als Korpus dienen Prosawerke, denen die Rezeption bereits besondere Bedeutung zuerkennt: Romane diverser Subgenres, Sammlungen von Kurzprosa, die in der Monographie auch kurz inhaltlich-thematisch skizziert werden. Ein vorgeschalteter Untersuchungsschritt gilt den Rahmenbedingungen in China, v. a. der Zensur und anderer staatlicher Reglementierung. Flankierend werden exemplarische Korpus-Passagen übersetzt und in einem wissenschaftlich kommentierten Sammelband für ein größeres Lesepublikum aufbereitet.
In einem weiteren Projektteil wird die gesamte zugängliche uigurische Belletristik der letzten Jahrzehnte in Xinjiang bibliographisch erfasst (hier einschließlich der Lyrik), um sie, soweit möglich, elektronisch oder physisch bestandszusichern und unter der Frage nach gesellschaftlichen und politischen Determinanten zu perspektivieren, auch unter Berücksichtigung von Auflagenhöhe, Medialität, Marketingaspekten, Verfügbarkeit etc.