Funding Funded Projects Die Revolution ausdrücken. Ästhetischer Aktivismus im Sudan und die Wiederaneignung der Stadt

Die Revolution ausdrücken. Ästhetischer Aktivismus im Sudan und die Wiederaneignung der Stadt

Im Zentrum des Projekts stehen die aktuell weltweit stattfindenden Revolten und Proteste.

Im Sudan brach­ten im Jahr 2019 monatelange Demonstrationen und die Besetzung des Platzes vor dem Hauptquartier der Streitkräfte in Khartum die seit dreißig Jahren herr­schende islamistische Militärregierung zu Fall. Der Auf­stand war von einem Ausbruch ästhetischer Praktiken sowohl von Künstlern als auch Aktivisten und Protestie­renden geprägt. Mit Gedichten, Körperbema­lungen, Gesängen, Slogans, Wandmalereien, Musik, Per­formances und Graffiti forderten sie Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit und damit letztendlich den Sturz des Präsidenten Omar al-Bashir. Ästhetische Praktiken waren bis dahin von der Regierung marginalisiert, unterdrückt und in private Räume gezwungen worden.

Dr. Hänsch ist davon überzeugt, dass politische Proteste inhärent ästhetisch sind, da sie visu­ell, akustisch, materi­ell und performativ intervenieren und damit Brüche er­zeugen und Vorstellungen von alter­nativen Zukünften hervorbringen. Dadurch schüfen und vermit­telten sie wahrnehmbare Veränderungen, die in die Be­wegung hineinwirkten und sie mitkonstituie­rten. Vor die­sem Hintergrund widmet sich Dr. Hänsch der während des sudanesischen Aufstands 2018/19 auf­gekommenen ästhetischen Praktiken des Protests und untersucht, wie diese von Aktivisten und Künstlern wei­tergeführt werden, um die angestoßenen sozio-politi­schen Transformationsprozesse aufrechtzuer­halten, zu verteidigen und fortzuführen.

Hierzu werden zwei Forschungsbereiche näher unter­sucht. Zunächst wird die Produktion, Wahrnehmung und Remediatisierung dominanter ästhetischer Praktiken von Künstlern und Aktivisten während der Aufstände als In­tervention in öffentliche Räumen analysiert. Da­rauf aufbauend wird über die anfänglichen Proteste und Besetzungen von öffentlichen Plätzen hinaus er­forscht, wie Aktivisten und Künstler seither die Wieder­aneignung der Stadt fortsetzen, indem sie bei­spielsweise neue Räume für künstlerische Darbietungen und Diskus­sionen schaffen oder öffentliche Räume durch visuelle, materielle und akustische Interventionen neu gestalten. Hier beschränkt sich das Projekt nicht auf lokale Praktiken, sondern bezieht Künstler aus der sudanesi­schen Diaspora mit ein, die sowohl durch digita­le ästhetische Praktiken als auch bei Aufent­halten vor Ort die revolutionären Prozesse mitgestalten.

Die ästhe­tischen Praktiken und die sinnlichen Erfahrungen bei der Vermittlung eines Gefühls von Wandel werden komparativ analysiert, nämlich anhand zweier demographisch und sozial unterschiedlich konstituierter Viertel der Haupt­stadt Khartum. Eine dritte vergleichende Dimension er­gibt sich aus dem Einbezug junger Künstler aus der Diaspora.

Mit dem Blick durch eine ästhetische Linse trägt das Pro­jekt zu einer sozial- und kulturanthropologischen Analy­se der Beziehung zwischen ästhetischem Aktivismus, seinen affektiven Resonanzen und politischen Protesten bei. Das Vorhaben ordnet sich in aktuelle Versuche der Kultur- und Sozialtanthropologie ein, affektive Dimensi­onen des Handels und der Sinnerschaffung neu zu fas­sen. Dadurch wird an den interdisziplinären Schnittstellen der politischen Anthropologie, der Medi­enwissenschaften und Kunstwissenschaften einen neuer Blick auf die sozialwissenschaftliche Protestforschung gerichtet.

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