Die Prozessionsstraße des Sanherib in Ninive
Der neuassyrische König Sanherib machte zu Beginn seiner Regierungszeit (705–681 v. Chr.) Ninive zur Hauptstadt seines Reiches und ließ die uralte Metropole zu einer der größten Städte des Altertums ausbauen. Bis zu ihrer Zerstörung 612 v. Chr. erweiterten seine Nachfolger die Stadt durch neue Tore und Paläste. Als die Ruinen Mitte des 19. Jahrhunderts nahe der heutigen irakischen Stadt Mossul wiederentdeckt wurden, zeugte die noch weithin sichtbare Stadtmauer von jener monumentalen Größe, wie sie bereits in der Bibel und im Koran beschrieben wird.
Die archäologischen Untersuchungen konzentrierten sich vor allem auf Tell Kuyunjik, wo Reste niedergebrannter Tempel und Paläste freigelegt wurden. Weite Teile der Unterstadt sowie der zweite Siedlungshügel, Tell Nebi Yunus, blieben dagegen weitgehend unerforscht, da dort im Mittelalter die Jonas-Moschee, ein Dorf und ein ausgedehnter Friedhof über den Ruinen errichtet worden waren.
Nach der Vertreibung des sog. Islamischen Staates, der die Jonas-Moschee und sämtliche altorientalischen Monumente im ehemaligen Ninive zerstört hatte, begann 2018 ein Heidelberger Team auf Wunsch der irakischen Antikenbehörde mit den Aufräum- und Sicherungsarbeiten. Unter der Leitung u. a. Prof. Mauls wurden 2023 dann auch die Sicherungsarbeiten rund um das größte Stadttor Ninives aufgenommen. Dabei zeigte sich rasch, dass das im 20. Jahrhundert aufwendig rekonstruierte, dann vom sog. Islamischen Staat zerstörte Nergal-Tor nie vollständig und fachgerecht ausgegraben wurde. Die bei den Arbeiten entdeckte Gründungsinschrift Sanheribs aus dem Jahr 690 v. Chr. dürfe als kleine Sensation gelten: Sie ist Beleg dafür, dass Sanherib im Norden Ninives ein Neujahrsfesthaus errichten ließ, das mit einer feierlichen Prozession verbunden war, die beim Einzug in die Stadt am Nergal-Tor Station machte. Während des Neujahrsfestes diente das Gebäude als Schauplatz einer „fröhlichen Feier zur Erholung der königlichen Hoheit“. Die Inschrift kann somit eine Erklärung dafür liefern, warum das Nergal-Tor besonders prächtig gestaltet worden war und zusammen mit der gepflasterten, mit Wagenschienen versehenen Prozessionsstraße einen zentralen Bestandteil der Kulttopographie des von Sanherib gestifteten Neujahrsfestes darstellte.
Im Rahmen des Projekts wird erstmals die durch das Nergal-Tor führende Prozessionsstraße von Ninive systematisch untersucht, dokumentiert und rekonstruiert. Es werden gezielte Sondagen, kleinere Ausgrabungen, geophysikalische Prospektionen, Landbegehungen durchgeführt sowie aktuelle und historische Luftbilder ausgewertet. Der vermutete Ausgangspunkt der Prozession an einem Torbau auf Tell Kuyunjik und – soweit möglich – ihr Endpunkt im nördlich gelegenen Neujahrsfesthaus soll identifiziert und dokumentiert werden. Um die Struktur des Nergal-Tores vollständig erfassen zu können, werden auf der Nordost- und Südwestseite jeweils rund 40 m² große Flächen freigelegt. Geomagnetische Prospektionen im östlichen Anschlussbereich sollen die Straßenbegrenzungen nachweisen, die angrenzende Bebauung charakterisieren und den bislang unbekannten Aufgang zur Zitadelle von Kuyunjik lokalisieren. Nach Kartierung und Auswertung werden die Ergebnisse durch gezielte Sondagen und die Erkundung aussagekräftiger Anomalien verifiziert.