Die Paratexte zur neutestamentlichen Johannesapokalypse in griechischen Handschriften
Die neutestamentlichen Handschriften enthalten zahlreiche begleitende Texte zu den in ihnen dokumentierten Schriften des Neuen Testaments.
Diese so genannten Paratexte reichen von Werktiteln am Anfang und/oder Ende einer Schrift (titulus initialis resp. titulus finalis), über Prolegomena und zusätzliche Buchunterschriften, Inhaltsverzeichnisse im Codex und Kapiteleinteilungen (gr. Kephalaia) hin zu begleitenden Notizen (von Gebeten über Hinweise zum Inhalt bis hin zu Legenden über Autor und Entstehung der Texte). Da die Paratexte den Kontakt zwischen Autor und Lesern herstellen, geben all diese Erscheinungen Aufschluss über die Geschichte der Texte sowie über Produktion und Gebrauch der Handschriften (z. B. Studium im Kloster, Gottesdienst; Dokument mit rechtlichen Interessen).
Anliegen des Forschungsvorhabens ist die Edition von Paratexten zur Johannesapokalypse in ca. 300 griechischen Handschriften. Dabei werden zunächst alle relevanten Paratexte der griechischen Manuskripte der Apokalypse erfasst, kodikologisch beschrieben und in die „Pinakes“-Datenbank (ein elektronischer Katalog griechischer Handschriften bis zum Ende des 16. Jahrhunderts, der vom Institut de recherche et d‘histoire des textes, Paris, betreut wird) eingestellt. Danach ist die Edition von ausgewählten Paratexten in gedruckter und digitaler Form vorgesehen. Dabei werden erstens die exegetischen Marginalien aus einer Handschrift aus dem 13. Jahrhundert (GA 2323: Athen, Museio Benaki) und ca. 20 weiteren byzantinischen Manuskripten ediert. Es handelt sich dabei um etwa 200 Glossen, die sich auf den ganzen Apokalypse-Text verteilen. Zweitens werden biographische Legenden, die in den Textzeugen mehrfach referiert werden (z.B. GA 61: Codex Montfortianus, Beginn 16. Jahrhunderts, Dublin Trinity College) ediert. Drittens werden Paratexte mit einleitenden Hinweisen, die sog. Hypothesen (Kurzzusammenfassungen), und byzantinischen Einleitungen zur Apokalypse berücksichtigt (z. B. GA 2814: Codex Reuchlins, frühes 15. Jahrhundert, Augsburg, Universitätsbibliothek).
Ziel des Forschungsvorhabens ist es, – gemäß dem aktuellen Stand der Editionswissenschaft – nicht nur die ältesten erreichbaren Texte zu rekonstruieren, sondern auch die Geschichte des Textes samt den Spuren des lebendigen Gebrauchs in den Textzeugen zu dokumentieren. Die Editionen können dann auch zur Grundlage der weiteren Erforschung der Paratexte im Hinblick auf ihre historischen, literarischen und theologischen Implikationen dienen. Das Forschungsprojekt verspricht somit neue Erkenntnisse zur frühbyzantinischen Handschriftenkultur sowie zur Rezeption und Interpretation der Apokalypse.