Die Mosse-Frauen. Szenarien deutsch-jüdischer Lebensgeschichten zwischen Kompensation, Profession und Emanzipation
Prof. Vedder-Porath verfolgt mit dem Forschungsvorhaben das Ziel, die Lebensgeschichte von vier Frauen aus drei Generationen der deutsch-jüdischen Familie Mosse zu erforschen: Emilie Mosse, ihrer Nichten Martha und Dora Mosse sowie ihrer Enkelin Hilde Mosse. Deren weibliche „vita activa“ im Verhältnis zur männlichen Führungskraft des Unternehmers (Rudolf Mosse), des Juristen im Staatsdienst (Albert Mosse) und des Wissenschaftlers (Erwin Panofsky) ist Gegenstand des biographischen Projekts.
Das Forschungsprojekt konzentriert sich – im Anschluss an Elisabeth Kraus` grundlegendes Portrait „Die Familie Mosse. Deutsch-jüdisches Bürgertum im 19. und 20. Jahrhundert” (1999) – auf die Darstellung ausgewählter „Szenarien“ historischer und persönlicher Erfahrung, spezifischer Schauplätze und familiärer, beruflicher und institutioneller Umstände: auf Naht- und Bruchstellen des Lebenswegs, die Aufschluss geben können über das Verhalten, Denken und die vielfach nachzuweisende Tätigkeit dieser jüdischen Frauen im Bestreben um soziale Anerkennung, kulturelle Geltung und beruflichen Erfolg in der deutschen Mehrheitsgesellschaft von Kaiserreich, Weimarer Republik, Faschismus, Exil und Nachkriegszeit. Erkundet werden – in ideeller, habitueller und auch rhetorischer Hinsicht – die „Umgebung einer Handlungsweise” (Wittgenstein) der jüdischen Akkulturation. In diesem Zusammenhang haben die im Projekttitel genannten Leitbegriffe heuristische Funktion. Kompensation fungiert als Gegengewicht und Ausgleich zur unternehmerischen Erfolgsgeschichte: beispielhaft Emilie Mosses philanthropisches, mäzenatisches und gesellschaftliches Engagement. Profession ist als eigenständige Weiterentwicklung und Ablösung von der Vätergeneration zu verstehen: beispielhaft für den Lebensweg der Sozialpsychiaterin Hilde Mosse, der ins amerikanische Exil führt, und für Martha Mosses juristische Karriere als preußische Polizeioffizierin und jüdische Gemeinderätin in Nazideutschland. Emanzipation ist zu fassen als individuelle Anstrengung und Selbstbehauptung der jüdischen Frauen angesichts von antisemitischen Diskriminierungen und einer als Frau persönlich erfahrenen Zurücksetzung: beispielhaft für Dora Mosses Tätigkeit an der Seite des renommierten Kunsthistorikers Erwin Panofsky in der Hamburger Warburg-Bibliothek und im Exil in Princeton.
Im Rekurs auf die Genderforschung zur Biographik und die literaturwissenschaftliche Reflexion zum biographischen Schreiben, das sich ablöst von der „biographischen Illusion“ einer identitären und kohärenten Lebensgeschichte (Bourdieu), wird aus dem durch umfangreiche Archivrecherchen gewonnenen Material der „praktische Bewandtniszusammenhang“ (Vedder u.a.) dieser Lebensgeschichten recherchiert, dokumentiert und dargestellt: aus Selbst- und Fremdzeugnissen, aus eigenen Publikationen, aus den Umständen des häuslichen „Inventars“ und der medialen Vermittlung, aus Tagebuchaufzeichnungen und Korrespondenzen, institutionellen Verlautbarungen, Pressemitteilungen, insbesondere auch aus dem überlieferten privaten und öffentlichen Bildmaterial.
So soll Aufschluss gewonnen werden über die im lebensgeschichtlichen Zusammenhang der Mosse-Frauen nachwirkende „verborgene Tradition” des jüdischen „Paria“-Seins (Hannah Arendt): ein möglicher Begründungszusammenhang für deren Motivation und unbedingtes Streben nach Anerkennung im sich historisch verändernden Tätigkeitsbereich von Philanthropie, Erziehung, Bildung und beruflicher Qualifikation. Aufgesucht und zu analysiert wird insbesondere das Weiterwirken der jüdischen Tradition der Zedaka (Wohltätigkeit) und Haskala (Aufklärung, Bildung). In diesem Sinne möchte Prof. Vedder-Porath einen Beitrag zur deutsch-jüdischen Modernisierungsgeschichte der Gesellschaft leisten und einen neuen Ansatz zum biographischen Schreiben erproben.